Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Mes - Lauf! (2011)


Der seit den späten 70er-Jahren bestehende Kurdenkonflikt bezeichnet das (militärische und politische) Bestreben der kurdischen Bevölkerung in der Türkei, einen eigenen Kurdenstaat zu errichten. Bis heute verübt die kurdische Terrororganisation PKK immer wieder Anschläge und Attentate, denen unschuldige Zivilisten zum Opfer fallen. Ihr Ziel: Autonomie und Unabhängigkeit der kurdisch besiedelten Gebiete und das Ende der Unterdrückung durch den Staat. 1980 – das Jahr, in dem das türkische Drama "Mes – Lauf!" des Regisseurs Shiar Abdi spielt – stand der bewaffnete Kampf der PKK noch ganz am Anfang, die kurdische Bevölkerung der Türkei sah sich aber schon damals Terror und staatlicher Gewalt ausgesetzt.

Die Situation der Kurden verschlechterte sichblich, als sich das türkische Militär in jenem Jahr an die Macht putschte und die Regierung stürzte. Die Militärjunta verhängte über das Land das Kriegsrecht, Parteien und Vereine wurden verboten und tausende politische Gegner, darunter viele Kurden, fielen dem Terror zum Opfer. Kurz vor der Machtübernahme durch das Militär setzt die Handlung von "Mes –Lauf!" ein, einem leisen und anspruchsvollen Drama, dass die Schrecken des Putsches aus kindlicher Perspektive schildert und die Themen Freundschaft und Mut in den Mittelpunkt rückt.

Nuseybin 1980, eine kurdische Kleinstadt im Osten der Türkei. Der zwölfjährige Kurde Cengo lebt mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen. Täglich zieht er durch die staubigen Straßen der Stadt, um Kaugummi zu verkaufen und so zumindest noch ein wenig Geld für die Familie zu verdienen. Eines Tages trifft Cengo auf den stummen Xelilo, der in einem verlassenen Laden wohnt und den Tag damit verbringt, verwirrt und ziellos durch die Stadt zu laufen. Cengo folgt dem alten Mann immer wieder und allmählich gelingt es ihm, das Vertrauen von Xelilo zu gewinnen. Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden eine ungewöhnliche, aber liebevolle Freundschaft. Als das türkische Militär die Macht übernimmt und über Stadt eine Ausgangssperre verhängt, gefährdet dies nicht nur die Freundschaft von Cengo und Xelilo, sondern auch deren Leben.

Regisseur Shiar Abdi wählt bewusst die Perspektive eines kleinen, unschuldigen Jungen, um den Schrecken und den Terror zu verdeutlichen, dem sich die kurdische Landbevölkerung nach der Machtübernahme durch das Militär ausgesetzt sieht. Die sorgenfreie Kindheit und das unbeschwerte Leben in der Stadt findet für Cengo mit dem Putsch eine jähes Ende und Regisseur Abdi verzichtet nicht darauf, die an den Kurden ausgeübte Gewalt in aller Härte darzustellen. Dies geschieht stets aus der Sicht des klugen, sensiblen Cengo, der noch zu jung ist, um die Hintergründe und Zusammenhänge der Ereignisse zu verstehen. Er sieht jedoch das gewaltsame und harte Vorgehen der Militärs, das für ihn das Ende der kindlichen Unschuld und für seine Familie das Ende der Freiheit bedeutet– ebenso wie für die übrigen Kurden in der Stadt.

Vor dieser Zäsur konzentriert sich "Mes – Lauf!" ganz auf die Entwicklung der Beziehung zwischen Cengo und dem ziellos umherirrenden, stummen Xelilo, den die meisten Bewohner für verrückt und geisteskrank halten. Anders als bei den übrigen Bewohner erregt Xelilos merkwürdiges Verhalten bei dem Jungen jedoch Aufmerksamkeit und Interesse. Schon bald heftet er sich an Xelilos Fersen und allmählich gelingt es ihm, den schüchternen Mann für sich zu gewinnen. Fortan nimmt sich der Film die nötige Zeit, um in aller Ruhe die Entwicklung der Freundschaft zu schildern. In ruhigen, harmonischen Bildern mit vielen Landschaftsimpressionen und Aufnahmen der kargen, trostlosen Gegend zeigt er, wie sich die beiden unterschiedlichen Personen einander annähern und eine tiefe Verbundenheit entsteht. Regisseur Abdi setzt in den Szenen, die Cengo und Xelilo alleine zeigen, zudem die musikalische Untermalung sehr sparsam ein. Hier verlässt er sich vornehmlich auf seine Bilder, die alleine die nötigen Emotionen und Stimmungen beim Zuschauer hervorrufen sollen. Und "Mes – Lauf!" gelingt dies eindrucksvoll. Die Szene, die Cengo und Xelilo beim parallelen Balancieren auf Gleisen zeigt und aus nur einer einzigen Einstellung besteht, verdeutlicht das Wesen der beiden auf anschauliche Weise: Cengo, der mutige, kluge Junge, der an Xelilos Leben teilhaben will und ihm auch dann noch unaufhörlich folgt, wenn er immer wieder von seinem Weg abkommt und von den Gleisen herabfällt. Und Xelilo, der wortlose, kauzige alte Mann, der selbst nicht weiß, wohin ihn sein Weg führt, diesen aber ohne Abweichung konzentriert, starr und unbeirrt weiterverfolgt – selbst dann, wenn er diesen balancierend auf einem Gleis bestreitet. Großes Lob gebührt den beiden Hauptdarstellern, Abdullah Ado und Abdulselam Kigli, die ihre vielschichtigen, komplexen Figuren mit Hingabe und Nachdruck verkörpern.

"Mes –Lauf!" ist ein kleiner, mutiger Film über Freundschaft, Unterdrückung und Mut. Er erzählt seine bedrückende Geschichte in ausgewogenen, ruhigen Bildern und verfügt über zwei großartige Hauptdarsteller.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.