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3096 Tage - Hauptplakat
3096 Tage - Hauptplakat
© Constantin Film

Kritik: 3096 Tage (2012)


"Es war klar … nur einer von uns beiden würde überleben … Und das war ich, letztendlich." Mit diesem Satz beginnt der Film "3096 Tage" über die Entführung von Natascha Kampusch. Er liegt über Bildern von einer jungen Frau beim Ski fahren. Bilder, die Freiheit suggerieren. Aber kaum ist sie unten am Berg angekommen, wird sie von einem Mann eingeholt. Er kontrolliert die Toiletten, ehe sie hineingehen darf. Damit ist klar, dass Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) immer noch in den Fängen von Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) ist.

Der Entführungsfall "Natascha Kampusch" hat 2006 für weltweites Aufsehen gesorgt. Am 2. März 1998 wurde die zehnjährige Natascha (im Film von Amelia Pidgeon gespielt) auf dem Schulweg entführt. Acht Jahre lang wurde sie von dem arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil in einem Verlies gehalten, ehe ihr die Flucht gelang. Anschließend brach ein großes mediales Interesse über sie hinein, dem sie schließlich mit Interviews und einer Autobiographie begegnete. Einer Verfilmung ihrer Geschichte stand sie zunächst skeptisch gegenüber, aber es gelang Bernd Eichinger ihr Vertrauen zu gewinnen. Das Drehbuch basiert daher nicht nur auf ihrer Autobiographie, sondern auch auf vielen persönlichen Gesprächen zwischen Natascha Kampusch und Bernd Eichinger. Als er 2011 plötzlich verstarb, hat Ruth Thoma das Fragment vollendet.

Regisseurin Sherry Hormann ("Wüstenblume") ist ein guter Film gelungen. Sie konzentriert sich in "3096 Tage" auf das widersprüchliche Verhältnis von Natascha Kampusch zu Wolfgang Priklopil. Nur selten verlässt die Handlung daher das Einfamilienhaus in der Wohnsiedlung. Vielmehr fasst die eindrucksvolle Kamera von Michael Ballhaus die klaustrophobische Enge von Nataschas Verlies in bedrückende Bilder, die die Beschränktheit und das Eingesperrtsein sehr deutlich werden lassen. In fast jeder Einstellung sind die Wände ihres Verlieses zu sehen. Wenn sie es nach Jahren das erste Mal verlassen darf, blendet die Helligkeit der Welt, die sich außerhalb der Fenster durch Sonnenlicht und Geräusche andeutet. Sie erscheint Natascha verheißungsvoll und überwältigend. In diesen Jahren zwischen Entführung und erstem Verlassen des Verlieses hat sich – so ahnt man – die entscheidende Wandlung in dem Verhältnis vollzogen, wurde aus dem Entführer die einzige Bezugsperson, die das entführte Kind hatte. Leider wird diese Zeit aus dem Film ausgespart. Dabei hätte sie womöglich dafür sorgen können, dass sich der Geschichte von dem konkreten Fall auf die abstrakte Ebene des Machtverhältnisses zwischen Entführer und Entführten begibt.

Achteinhalb Jahre lang war Natascha ihrem Entführer ausgeliefert, der sich eine Frau erschaffen wollte. Seine Macht drückt er in einem ständigen "Gehorche" aus, das er Natascha einbläut. Er schlägt sie, demütigt sie und enthält ihr Nahrung vor. Allein der ausgehungerte Körper von Antonia Campbell-Hughes zeigt die physischen und auch psychischen Belastungen dieser Zeit. Aber neben dieser Zerbrechlichkeit zeigt Antonia Campbell-Hughes auch die Stärke ihrer Figur: Nach und nach erringt sie Zugeständnisse ihres Entführers, sie darf erst den Keller verlassen, dann auch in den Garten. Zugleich wird in einer eindrucksvollen Sequenz in einem Baumarkt deutlich, wie weit Priklopil mit seiner psychologischen Folter bereits gekommen ist: Sie verpasst die Gelegenheit zur Flucht, weil sie wie gelähmt von seiner plötzlichen Abwesenheit ist. Es ist diese Widersprüchlichkeit, die dem Film die notwendigen Haken verleiht.

Nach Aussage des Presseheftes haben die Produzenten keine deutschsprachigen Darsteller gefunden, so dass sie mit internationaler Besetzung auf Englisch gedreht haben. Die Synchronisation ist anfangs irritierend, zumal nicht der Hauch eines österreichischen Akzentes zu hören ist. Außerdem hat der Film gerade in der zweiten Hälfte Längen, die auf der einen Seite die quälende Dauer der Entführung deutlich werden lassen, auf der anderen Seite aber auch Ungeduld hervorrufen können.

Es ist nicht die Absicht dieses Films, sämtliche Details der Geschichte zu erklären. Weitgehend aus der Perspektive von Natascha erzählt, bleiben insbesondere in der Charakterisierung Wolfgang Priklopils Leerstellen. Seine Motivation für die Tat wird lediglich durch seine Beziehung zu Mutter und Großmutter angedeutet, zudem erscheint er als pedantischer Spießer. Darüber hinaus wird zwar gezeigt, wie Natascha von ihm vergewaltigt wird. Aber gerade diese Szenen werden die Zuschauer irritieren und verstören. Es ist gut, dass Natascha Kampusch der Sensationsgier der Medien nicht noch weiter nachgibt. Dieser Film macht sehr deutlich, dass Natascha Kampusch – entgegen ihrer Selbstwahrnehmung – ein Opfer ist, indem er die Bilder für ihr Martyrium liefert. Vermutlich wird der Film nicht dazu beitragen, dass Natascha Kampusch Ruhe findet. Es gibt neue Spekulationen und ihr Vater hat ein Buch geschrieben, in dem er seine Tochter angreifen soll. Allerdings sollte man ihr doch wenigstens zugestehen, dass sie versuchen darf, die Deutungshoheit über ihre Entführung zu behalten.

Fazit: "3096 Tage" ist ein intensives Kammerspiel und ein bedrückender Film.




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