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Kritik: The Neon Demon (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "The Neon Demon" kehrt Nicolas Winding Refn nach dem in Bangkok spielenden Rachethriller "Only God Forgives" in das mythische Los Angeles aus seinem Neo-Noir "Drive" zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich der Filmemacher nach dem umstrittenen Vorgänger nun wieder auf ein sicheres Terrain begibt. "The Neon Demon" ist sogar noch radikaler, als das hoch artifizielle und ultrabrutale Drama "Only God Forgives". War "Drive" noch fest in einer Neo-Noir-Parallelwelt verortet, in welcher der Existenzialismus von Filmen wie Walter Hills "The Driver" (1978) und Michael Manns "Thief" (1981) mit dem poppigen Chick von "Miami Vice" zu einem ganz eigenen unwiderstehlichen Amalgam verschmolzen, so schwebt "The Neon Demon" bereits in den luftigen Höhen des Olymps der griechischen Götter - so die Luft äußerst dünn wird.

In "The Neon Demon" erzählt Nicolas Windings Refn noch mehr als ein modernes Märchen eine klassische Sage im poppig modernen Gewand von dem ewigen Kampf des Echten und es Wahren gegen das Falsche und Verlogene. Hierbei zeigt sich schnell, dass dem Dänen mit seinem neuen Film ganz gewiss kein klassischer narrativer Film vorschwebte: Die Dialoge sind so hölzern und so artifiziell, wie aus einem Comic und zeigen, dass dies kein realistisches Sozialdrama, sondern eine Parabel über den Kampf zwischen dem Lebendigen und dem Abgestorbenen ist, ein Film der dieses Tote in schaurig schöner Glätte zugleich zelebriert und verdammt. Es ist eine kalt glitzernde Glätte makelloser Schönheit und maximaler Seelenlosigkeit, ein köstlicher Panzer, an der alle tieferen Gefühle abprallen müssen.

Für diese Liebe zu der reinen Oberfläche und zu dem Toten findet Nicolas Winding Refn starke und zunehmend krassere bildliche Metaphern, die von weit mehr, als der reinen Lust an der Provokation zeugen. Deshalb werden Jesses Gegnerinnen am Ende als lebende Schaufensterpuppen abgelichtet, deren extremer Fetischismus direkt auf den deutschen Fotografen Helmut Newton verweist, der selbst der Stadt der Engel verfallen war und der dort vor 12 Jahren nach einem Unfall mit seinem Cadillac starb. Eine wesentlich ambivalentere Rolle spielt die schwer durchschaubare Stylistin Ruby, mit der sich Jesse anfreundet, die jedoch auch mit deren Widersacherinnen befreundet ist. Diese mysteriöse Figur wird verkörpert durch Jena Malone, an die man sich insbesondere als das Gretchen aus Richard Kellys Kultklassiker "Donnie Darko" (2001) erinnert. Rubys besondere Stellung zeigt sich anhand der Tatsache, dass sie mit dem gleichen sachlichen Professionalismus Models und Leichen optisch verschönert.

Doch spätestens, als sie mit einer der ihr anvertrauten Leichen Sex hat, zeigt sich, wie sehr die widerstandslose Ergebenheit der Toten Ruby sogar erregt. Dies ist eine der äußerst expliziten Schockszenen, in denen die Liebe zur abgestorbenen Hülle in "The Neon Demon" auf denkbar plakative - und zugleich äußerst treffende - Weise zur Schau gestellt wird. Es gibt noch mehrere extrem plakative Horrorszenen, in denen Nicolas Winding Refn die völlige Verkehrung der Begriffe Leben und Tod dieser Welt offenlegt. Nicht nur Ruby schwankt in dem Film zwischen der Welt des Lebendigen und des Toten. Bereits der Filmtitel bezieht sich explizit auf den Kampf zwischen Gut und Böse, der sich in Jesses eigenen Inneren abspielt.

Sie selbst verwandelt sich in den "Neon Demon", als sie zulässt, dass ihre dunkle Seite zunehmend die Führung übernimmt. Zugleich steckt genau hierin eine große Vitalität, die dazu führt, dass Jesse sehr selbstbewusst sagen kann: "Ich bin nicht so hilflos, wie es scheint." Diese ambivalente Rolle dieser aggressiv-animalischen Kraft in Jesse zeigt sich auch darin, dass vor ihrer Hinwendung zu ihrem inneren Dämon ein Raubtier in ihrem Motelzimmer erscheint, in welchem direkt der Noir-Horrorklassiker "Katzenmenschen" (1942) von Jacques Tourneur widerhallt - ein Film über eine nicht geduldete animalische weibliche Kraft. Man kann es drehen und wenden, wie man mag. Am Ende gelangtt man unweigerlich immer wieder an den gleichen Punkt:

Fazit: Mit "The Neon Demon" betritt NWR endgültig den Bereich reiner Kunst.




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