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Die Stimme meines Vaters
Die Stimme meines Vaters
© Aries Images

Kritik: Die Stimme meines Vaters (2012)


Die beiden Regisseure Orhan Eskiköy und Zeynel Dogan schaffen mit ihrem Film "Die Stimme meines Vaters – Babamin Sesi", der auf wahren Begebenheiten beruht, eine ruhige, melancholische Parabel über die Themen Trauer, Vergangenheitsbewältigung und eigene Identität. Eskiköy, der 1980 in Istanbul geboren wurde, arbeitete bereits während seines Studiums der "Public Relations" an der Universität Ankara als Kameramann und Regie-Assistent. Mit dem Journalisten Zeynel Dogan gründete er 2008 die Produktionsfirma "Periþan Film". Dogan arbeitet heute vorwiegend als unabhängiger Dokumentarfilmer und Schauspieler. Er spielt die männliche Hauptrolle in "Babamin Sesi". Was den Film so besonders macht, ist die Tatsache, dass er die wahre Geschichte der kurdischen Familie Dogan erzählt und die beiden Hauptdarsteller (Mutter und jüngster Sohn Dogan) sich selbst spielen.

Leise und gefühlvoll schildert "Babamin Sesi" die auf Tatsachen beruhende Familiengeschichte der Dogans. Basê ist eine einsame, alte Frau, die in einfachsten Verhältnissen in ihrem Haus auf dem Land lebt und jeden Tag darauf hofft, dass ihr ältester Sohn aus dem Untergrund zur Familie zurückkehrt. In jedem Knarzen des Holzbodens und jedem Knacken eines Astes von Draußen vermutet sie die Rückkehr des geliebten Sohnes. Sie lebt in absoluter Stille, ohne Radio und TV-Gerät, nur die Geräusche der sie umgebenden Landschaft und Natur dringen bis zu ihr ins Haus durch. Diese Geräuschlosigkeit im Alltag von Basê führt Regisseur Eskiköy konsequent fort, indem er z.B. fast vollständig auf eine musikalische Untermalung seines Films verzichtet. "Babamin Sesi" ist ein in all seiner Ruhe und Stille beeindruckender Film, der seine Geschichte fast ausschließlich über die Tonbandaufnahmen erzählt, auf die der jüngste Sohn Mehmet zufällig stößt. Die Vergangenheit scheint im Haus von Basê vollständig ausgelöscht, wären da nicht diese alten Aufnahmen. In vielen kurdischen Familien waren sie oft der einzige Weg, um Kontakt zu Familienmitgliedern und Verwandten zu halten. Ein Telefon zur Kommunikation hatten nur die wenigsten und durch den weit verbreiteten Analphabetismus unter den Kurden war es zudem vielen nicht möglich, Briefe zu schreiben.

Darstellerisch schöpft der Film seine Möglichkeiten voll aus. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller, Basê Dogan und Zeynel Dogan, ist aufrichtig und unheimlich kraftvoll. Der Umstand, dass die Beiden sich selbst spielen und ihre eigene tragische Familiengeschichte erzählen, verleiht dem ohnehin schwermütigen, bedrückenden Film noch mehr emotionalen Ballast, der allerdings nicht für jeden Zuschauer geeignet sein dürfte. "Babamin Sesi" ist zudem ein recht handlungsarmer Film, der weniger auf die visuelle Kraft von Bildern und Optik als vielmehr auf die Wirkung der auf Tonband festgehaltenen Worte des verstorbenen Vaters auf Frau und Sohn setzt. Die Familiengeschichte der Dogans erfährt man zu weiten Teilen über die Tonbänder, aus diesem Grund kann man auch kaum von einer echten Handlung sprechen, die sich auf der Leinwand abspielt. Auf Visualität – und damit die große Stärke des Mediums Kino – kommt es Regisseur Eskiköy bei seinem Werk jedenfalls nicht an – das macht "Babamin Sesi" zu etwas Besonderem. Da der Film mit den gängigen Konventionen des Mediums bricht, verlangt er dem Zuschauer aber auch einiges an Aufmerksamkeit und Toleranz ab.

Fazit: Das autobiografische Familien-Drama "Babamin Sesi" ist ein rührender und hochemotionaler Film, der aber nicht für jeden gleichermaßen geeignet ist. Dadurch, dass die Geschichte zu einem Großteil über Tonbandaufnahmen und nicht über die Bilder erzählt wird, bricht er mit den klassischen Kino-Konventionen und verlangt dem Zuschauer ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit und Geduld ab.





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