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Kritik: Carol (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Heute ist es nur noch schwer nachvollziehbar, welche Brisanz das in "Carol" behandelte Thema einer gleichgeschlechtlichen Liebe - und das auch noch zwischen zwei Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten - in den USA der 1950er-Jahre hatte. Aber als Patricia Highsmith "The Price of Salt" - die Romanvorlage zum Todd Haynes Film - im Jahr der Handlung veröffentlichte, tat sie dies unter einem Pseudonym. Dass der Filmemacher Todd Haynes Interesse an der Behandlung solch eines Stoffs hat, ist dahingegen nicht überraschend. Bereits 2002 hatte Haynes mit "Far From Heaven" gezeigt, wie schwer es die Liebe im engen gesellschaftlichen Korsett der damaligen Zeit hatte. In dem Film verlieben sich eine weiße Frau aus der Upper-Middle-Class und ihr schwarzer Gärtner, während der Mann der Frau unter seiner Homosexualität leidet.

Ähnlich, wie "Carol" bezieht sich "Far from Heaven" ebenfalls direkt auf ein Werk aus der Zeit der Handlung. In diesem Fall ist die Vorlage Douglas Sirks Melodrama "All That Heaven Allows" aus dem Jahre 1955. Obwohl der in Hamburg als Detlev Sirks zur Welt gekommene Douglas Sirks zu seiner Zeit ein Filmemacher war, der gerne brisante Eisen anfasste, beschränkte sich die Handlung in seinem Film auf die Liebe einer gesellschaftlich höhergestellten Frau zu ihrem einfachen (aber ebenfalls weißen) Gärtner. Dies war alles, was die damalige Hollywood-Zensur erlaubte, während "Far From Heaven" eine zu der damaligen Zeit unmögliche Konstellation zeigt. Ist "Carol" also lediglich ein Zweitaufguss des gleichen Themas, wie in "Far From Heaven" in einem urbanen, statt einem vorstädtischen Umfeld, und mit veränderten Geschlechterrollen?

Nein, so einfach hat sich Todd Haynes die Sache nicht gemacht. So fällt bereits auf der visuellen Ebene sofort auf, dass er diesmal nicht wie in "Far From Heaven" die knalligen Technicolor-Farben von Douglas Sirk nachempfindet, sondern seinem neuen Film einem komplertt anderen Look verliehen hat. Zwar ist auch in "Carol" jede einzelne Einstellung bis ins kleinste Detail hinein durchkomponiert. Aber im direkten Vergleich mit "Far From Heaven" wirkt die Farbgebung fast schon dezent, obwohl Haynes auch hier einzelne sehr starke farbliche Akzente setzt. Aber in "Carol" sind Signalfarben, wie ein knalliges Rot eben genau dies: farbliche Akzente inmitten einer eher von vornehmer Zurückhaltung geprägten Gesamtkomposition. Dies verleiht "Carol" eine verfeinerte Anmutung, die hervorragend zu dem New York der 1950er-Jahre mit seinen schicken Straßenlimousinen, und den eleganten Damen in teuren (und heute politisch unkorrekten) Pelzmänteln passt. Auf diese Weise spiegelt die visuelle Ebene ebenfalls die kühle Eleganz der namensgebenden Protagonistin und ihrer aristokratischen Oberschichten-Welt.

Zugleich gelingt es Haynes in "Carol" erneut auch visuell die (Hollywood-)Filme der behandelten Dekade zu evozieren. Auffallend körnig und deshalb auch leicht unscharf und zugleich in warmen Farben gehalten ist das Bild. Dies fällt in Zeiten gestochen scharfer und oft sehr kalter Digitalfilme besonders stark ins Auge. "Carol" ist ein Film der starken visuellen Reize, in dem der Großteil der entscheidenden Kommunikation auf nonverbaler Ebene stattfindet. Immer wieder sind es Blicke, in denen sich das zeigt, was die begleitenden Worte nicht sagen dürfen. Die Blicke von Carol (charismatisch: Cate Blanchett) sind voller Begehren, erotisch aufgeladen und fordernd. Dahingegen blickt Therese (phantastisch: Rooney Mara) zu Beginn zumeist wie ein verschüchtertes Reh und nur mit einem zaghaften Begehren. Die gesamte Entwicklung ihrer Beziehung ist ein Tanz der Blicke. Das letzte Bild: Carols Lächeln. Wunderbar!

Fazit: Mit "Carol" gelingt Todd Haynes nach "Far From Heaven" erneut ein Meisterwerk zum Thema verbotenes Begehren in den 1950er-Jahren.





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