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Der Sohn der Anderen
Der Sohn der Anderen
© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Der Sohn der Anderen (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Drama der französischen Regisseurin Lorraine Lévy denkt sich ein regelrechtes Worst-Case-Szenario aus: Zwei junge Männer, der eine Israeli, der andere Palästinenser, erfahren, dass sie als Babys vertauscht wurden. Auf einmal müssen sie damit klarkommen, dass ihre Identität auch die des politischen Erzfeindes ist. Ihre Familien reagieren ebenfalls verstört. Lässt sich der israelisch-palästinensische Konflikt auf individueller Ebene überwinden? Lévys Film versteht sich als Gedankenexperiment, das ideologische Gräben überbrücken will.

Die Geschichte verfügt über einen schönen Spannungsbogen mit den Stationen erster Schock, gegenseitiges Kennenlernen, Hadern mit inneren und äußeren Konflikten. Das Ende verweist auf den Abnabelungsprozess der beiden Jungen. Trotz ihrer heftigen Krise sind nämlich gerade Joseph und Yacine viel eher noch als ihre Eltern in der Lage, sich neu einzustellen. Sie werden zu personifizierten Beispielen dafür, dass der palästinensisch-israelische Gegensatz im Kopf entsteht. Wie sie ihren Weg gehen werden, lässt der Film offen. Überhaupt will er sich nicht allzu sehr von der Wirklichkeit ausbremsen lassen. Said und Leila geben Joseph, als er sie auf dem Dorf besucht, als Sohn von Saids Schwester in Paris aus. Ob das auf Dauer funktioniert? Und wie würde Josephs Freundeskreis in Tel Aviv darauf reagieren, dass er Palästinenser ist? Das wird nicht gesagt, lediglich bei Alon, der einen hohen Posten in der israelischen Armee hat, deutet der Film Konflikte mit dem Umfeld an, ohne sie aber zu vertiefen. So vage der Film an vielen Stellen bleibt, einmal verweigert er sich auch entschieden dem Klischee: Als der Hitzkopf Bilal seinen neuen Bruder Joseph drängt, ihm einen Besuch Tel Avivs zu ermöglichen, glaubt man seine Absicht bereits zu kennen. Lévy aber schwebte als Co-Autorin des Drehbuchs eine andere Version vor.

Vor allem die Charaktere der Erwachsenen beeindrucken. Die beiden Frauen Orith und Leila weisen ihren ratlosen Männern mit mütterlichem Herz und Pragmatismus den Weg. Die französische Sprache, die in Oriths Familie gesprochen wird und die auch Leila beherrscht, ermöglicht einen verbalen Austausch quasi auf neutralem Grund. Die zwei Familien leben in ganz verschiedenen Welten. Der Checkpoint, der bei jedem Besuch passiert werden muss, steht an der Mauer: Schon ihre wuchtige Existenz widerspricht der Idee des Miteinanders. Lévys Drama malt exemplarisch einen individuellen Aufbruch in eine bessere Zukunft aus. Das ist lobenswert, meistens spannend anzuschauen, überzeugt aber nicht voll im Umgang mit der Realität.

Fazit: Ein Israeli und ein Palästinenser erfahren, dass sie mit der Identität des anderen aufgewachsen sind: Das Drama der französischen Regisseurin Lorraine Lévy appelliert an die individuelle Kraft, den Nahostkonflikt zu überwinden. Es ist spannend inszeniert, aber die gute Absicht distanziert es auch ein Stück weit von der Realität.





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