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Karen Cries on the Bus
Karen Cries on the Bus
© Film Movement

Kritik: Karen Cries on the Bus (2011)


Schon oft hat das Kino Geschichten von starken Frauen erzählt, die ihren eigenen Weg gehen wollten. Mal mit viel Charme und Witz, wie in Steven Soderberghs "Erin Brockovich", mal mit viel Herzschmerz, wie in Mike Newells "Mona Lisas Lächeln" oder in klaustrophobischer Endzeitstimmung, wie Ridley Scotts "Alien". Die kolumbianische Variante der Geschichte – "Karen Cires On The Bus" – das Spielfilmdebüt von Gabriel Rojas Vera - erzählt seine Geschichte über Emanzipation und Selbstbestimmung wieder aus einem anderen Blickwinkel, mit einer Fokussierung auf die kleinen Dinge im Leben, mit einer Frau, die nicht so strahlend selbstbewusst auftritt wie einst Julia Roberts und bei weitem nicht ausgestattet mit einer heldenhafte Durchsetzungskraft, die sonst das Geschehen bestimmt. Regisseur Rojas Vera legt seine Schwerpunkte auf existenzielle Fragen, verwoben mit der Suche nach Selbstbestimmung, Selbsterfahrung und Eigenverantwortung. "Karen Cries On The Bus" ist still, aber nicht leise. Mit viel Geschick inszeniert, verfügt der Film über die nötige Ruhe Emotionen einzufangen und sich entfalten zu lassen, das Innenleben der Hauptfigur auf subtile Weise zu beleuchten und seine größte Stärke mit einem ehrlichen und entwaffneten Ende zu bündeln, welches all den Vorgängern die filmischen Illusionen solcher Charakterentwicklungen einfach nimmt. Denn Hauptfigur Karen ist bei weitem keine Heldenfigur, sondern viel mehr ein realistisches Gemisch mit sympathischen aber auch unsympathischen Zügen.Angereichert mit gesellschaftskritischen Tönen, besitzt das kolumbianische Debütwerk von Rojas Vera ungemeines Profil.

Die besondere Stärke in Rojas Veras Film ist die Neutralität, die der kolumbianische Regisseur in seine Erzählung an den Tag legt. Rojas Fokus liegt immer auf seiner Hauptfigur, die aber an keiner Stelle eine reine Sympathiefigur ist, wodurch sich der Zuschauer zwar mit ihr identifizieren kann, aber sie niemals gänzlich ins Herz schließen mag, weil sie viel zu undurchsichtig und verschlossen wirkt. Ein spannender Ansatz, der "Karen Cries In The Bus" mit seiner geschickten Betrachtungsverschiebung von bisherigen Filmen unterscheidet. So baut Rojas Veras in seinen 98 Minuten die Selbstfindung einer Frau auf, die sich nach zehn Jahren von ihrem Mann trennt. Veras versteht es Karens Mann über den charakterlichen Tellerrand zu heben und dem Zuschauer auch hier mehr zu bieten, als den ewigen Kampf zwischen Frau und Mann. So ist Karens Kampf vielmehr als ein Porträt einer Gesellschaftsschicht zu verstehen, die nach oben jammert und nach unten austritt und deren Spielregeln sich schnell ändern können, wenn sich die Versuche in der gesellschaftlichen Akzeptanz aufzusteigen, ausgezahlt haben. Besonders die letzte Szene – die selbstverständlich an dieser Stelle nicht verraten werden soll – unterstreicht diesen Charakter und bringt ihn mit einer zynischen Anekdote und einem ehrlichen Urteil auf den Punkt. Bis zu dieser Szene aber durchwandert Karen eine Odyssee der besonderen Art und findet sich neben Selbstfindung, Arbeitsplatzsuche, Sicherheitsverlust und Existenzangst auch in den alten Rollen und Mustern wieder, die sie durchbrechen wollte.
Der Regisseur legt dabei viel Wert darauf, auch seine Nebenfiguren nicht in Klischees ertrinken zu lassen, sondern auch diese mit viel Intelligenz als lebhafte Figuren zu etablieren. Während Karens neue und einzige Freundin Patricia zunächst als starke Frau agiert, welche die Männer nach ihrer Pfeife tanzen lässt, drehen sich die Rollenbilder so unmerklich um, wie die inneren Veränderungen in Karen, die sich selbst im Verlauf des Films von jeder Sekunde anders und selbstbewusster wahrnimmt. Zu dieser Entwicklung zählt auch der Bühnenautor Eduardo, der als Schriftsteller in Karens Leben tritt und nicht nur bloß als Projektionsfläche für die ewigen Abläufe zwischen Mann und Frau herhalten muss.
Zwar könnte man das Ende als zu vorhersehbar titulieren: Weil aber der Regisseur in seinem Spielfilmdebüt nicht nur auf einen sehr guten Cast vertrauen kann, sondern ebenso auf seine Fähigkeit, seine ruhige Inszenierungspraxis beizubehalten und niemals auf die überdramatische Tontaste zu drücken, fällt diese Konvention gar nicht auf.

Neben den charakterlichen Dimensionen des Dramas thematisiert Rojas Vera, wenn auch nur sehr zaghaft und gezielt zurückhaltend, die äußerlichen Umstände in einer Gesellschaft, die als Spiegelbild für die westliche Zivilisation herhalten können. Wenn Karen auf erbärmliche Art und Weise Geld erbettelt und selbst zum hässlichen Symbol der Unterschicht wird, zeigen diese Szenen einerseits die unglaubliche Existenzangst der Hauptfigur, die Selbstüberwindung und Würdelosigkeit über sich ergehen lassen muss, um zu überleben. Anderseits aber sensibilisieren solche Momente den Zuschauer auch für die Nöte von Menschen, die sich am Existenzminimum befinden.

Fazit: Wenn sich Selbstfindung, Emanzipation und Existenzangst in einer gelungenen Balance wiederfinden: Der kolumbianische Debütfilm von Rojas Vera bietet Gesellschaftskritik verknüpft mit einem sehr neutral gehaltenen, sein Thema von allen Seiten beleuchtenden Drama über die Entwicklung einer jungen Frau. Sehenswert!




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