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Maps to the Stars
Maps to the Stars
© MFA Film © Pathé Films AG

Kritik: Maps to the Stars (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

David Cronenberg ist zurück! Nach dem recht zahmen Psychoanalyse-Drama "Eine dunkle Begierde" (2011) und dem unerträglichen Limousinen-Unsinn "Cosmopolis" (2012) zeigt der Regisseur, dass er selbst im vorgerückten Alter von mittlerweile 71 Jahren noch immer der große wilde Mann aus Kanada ist. Als ein solcher hatte er bisher jeden Dreh im südlichen Nachbarland tunlichst gemieden, obwohl die Handlung vieler seiner Filme in den USA angesiedelt war. Für "Maps to the Stars" ging Cronenberg erstmals zum Filmen in die Vereinigten Staaten. Aber nicht nur das: Der intellektuelle Horror-Experte wagte sich gleich in das Herz der Finsternis, in das dunkle Zentrum der Macht - nach Hollywood. Und wenn sich ein kühler Analytiker mit einer Vorliebe für grobe Effekte über das zeitgenössische Babylon hermacht, dann darf durchaus einiges erwartet werden. Dies gilt umso mehr, da Cronenberg für diesen Film eine Union mit einem von Hollywoods bekanntesten Kritikern eingegangen ist. Denn für das Drehbuch zu "Maps to the Stars" ist Bruce Wagner verantwortlich, von dem das Buch zur Serie "Wild Palms" (1993) stammt. Vor seinem Durchbruch als Autor hatte Wagner, wie der von Robert Pattinson gespielte Jerome Fontana, als Chauffeur gearbeitet, weshalb diese Figur wahrscheinlich die einzige halbwegs normal erscheinende Person im gesamten Film darstellt...

Auch zu Cronenberg hat diese Figur einen starken Bezug: In "Cosmopolis" spielte Pattinson einen reichen Broker, welcher den gesamten Film über in einer Stretch-Limousine durch die Stadt fährt. Dazu sagt Pattinson ohne Unterlass extrem gestelzte und prätentiöse Sätze aus dem dem Film zugrunde liegenden Roman von Don DeLillo auf, bei denen man den starken Eindruck hat, dass der Jungdarsteller kein Wort des von ihm Aufgesagten verstanden hat. Somit erscheint seine Degradierung von Chauffierten zum Chauffeur durchaus konsequent. Man fragt sich ohnehin, weshalb Cronenberg überhaupt noch einmal mit Pattinson zusammenarbeiten wollte. Aber in der Rolle des kleinen Möchtegern-Schauspielers ist der ehemalige Vampir aus "Twilight" sogar richtig gut. Überhaupt ist es Cronenberg in "Maps to the Stars" gelungen einen äußerst illustren Cast zu versammeln, bei dem jeder einzelne Darsteller vollkommen in seiner Rolle überzeugt. Der aus der Serie "The Killing" bekannte Evan Bird verblüfft in der Figur des kleinen Ekels Benjie; die Ausstralierin Mia Wasikowska ("Only Lovers Left Alive", "Stoker") brilliert in der Rolle der geheimnisvollen und schwer durchschaubaren Psychotikern Agatha.

Sie alle werden jedoch überragt von Julianne Moore, die hier spielt, ob ob es kein morgen gäbe. Völlig berechtigt, dass sie für diese darstellerische Tour de Force die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes 2014 erhalten hat. Für die Rolle der alternden Schauspielerin Havana Segrand ist Julianne Moore die Idealbesetzung. Sie hat bereits in den berühmten L.A.-Panoramen "Short Cuts" (1993) und "Magnolia" (1999) mitgespielt und befindet sich inzwischen selbst in einem Alter, in dem viele weibliche ehemalige Stars in Hollywood nur noch Rollenangebote als Imbissverkäuferin oder als Klofrau bekommen. Havannas Neurosen, Halluzinationen und Hysterie angesichts ihres drohenden Karriereabstiegs wirken absolut echt. Hinzu kommt eine abstoßende Falschheit, die bezeichnend für Bruce Wagners gesamtes Skript ist. Dermaßen eiskalt und berechnend hat man die im Umfeld der Traumfabrik tätigen Menschen selten im Film gesehen. Gnadenlos wird jeder einzelne Charakter bis in seinen völlig verkommenen Kern hinein seziert. Die Dialoge spucken Galle; absolut unbarmherzig hält Cronenbergs Kamera auf das Trauerspiel einer ungehemmten Selbstentblößung drauf.

Die Bewohner Hollywoods werden portraitiert als ein moralisch verkommener Haufen, als der Abschaum der gesamten Menschheit. Hier wird unablässig geflucht und gelästert, gemobbt und geschoben, gekippt und gekokst, gefickt und gekackt. Jeder bekommt gnadenlos sein Fett ab. Es grassieren ein ekelhafter Chauvinismus und Rassismus. Teenie-Stars bezeichnen über zwanzigjährige Frauen als bereits in den Wechseljahren befindlich und in den Wechseljahren befindliche Frauen als Großmütter. - Doch das ist noch nichts dagegen, was diese Hollywood-Lästermäuler von sich geben, wenn sie derart sozialisiert erst einmal erwachsen geworden sind. - In "Maps to the Stars" fällt so mancher Spruch, der derart jenseitig ist, dass es einem glatt die Sprache verschlägt: Dies ist definitiv keine weichgespülte Scheinkritik aus der Traumfabrik selbst, sondern der bittere, ungefilterte und bis in die reine Farce hinein übersteigerte fiese Faustschlag vom knorrigen kanadischen Cronenberg. - Wie gut, dass es ihn gibt!

Fazit: David Cronenbergs Hollywood-Satire "Maps to the Stars" ist so bitterböse, dass einem oftmals die Spucke wegbleibt und so maßlos überzogen, dass der Film oft selbst den Faden verliert und völlig aus dem Leim zu geraten droht. Mit anderen Worten: Dies ist der anarchischste und beste Cronenberg-Film seit langer Zeit!





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