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Kritik: Transcendence (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Allzu viel Glück hatte Hollywood-Star Johnny Depp mit seinen letzten Filmen an den Kinokassen nicht, zumindest was den US-Markt betrifft. So floppte nicht nur sein Herzensprojekt, die Hunter-S.-Thompson-Verfilmung "The Rum Diary", auch Tim Burtons "Dark Shadows" und die Wiederbelebung des "Lone Ranger" sorgten in amerikanischen Lichtspielhäusern eher für verhaltene Jubelstürme. Dasselbe Schicksal scheint nun auch Depps neuestes Projekt zu ereilen. Bei geschätzten 100 Millionen Dollar Produktionskosten spielte das Scifi-Drama "Transcendence" bislang nur knapp unter 13 Millionen Dollar ein. Eine handfeste Enttäuschung, wenn man bedenkt, dass das Regiedebüt von Christopher Nolans Stammkameramann Wally Pfister mit einiger Spannung erwartet wurde.

Die Prämisse des Films klingt vielversprechend, nimmt sie doch, wie andere aktuelle Werke auch (etwa José Padilhas Neuauflage des "RoboCop"-Klassikers oder Spike Jonzes futuristische Romanze "Her"), die Ausformungen und Probleme unserer zunehmend technisierten Lebensrealität in den Blick: Dr. Will Caster (Johnny Depp) ist ein Experte für Künstliche Intelligenz und tüftelt zusammen mit seiner Ehefrau Evelyn (Rebecca Hall) an einem neuartigen Computersystem, das wie ein Mensch fühlen und eigenständig reflektieren kann. Die beiden wollen mit ihrer Forschung zu einer besseren Welt beitragen, benötigen allerdings noch etwas finanzielle Unterstützung, um den großen Durchbruch zu schaffen. Das Unterfangen scheint ein jähes Ende zu nehmen, als Will nach einem öffentlichen Vortrag von einem Mitglied der technikfeindlichen Extremistengruppe R.I.F.T. (Revolutionary Independence From Technology) angeschossen wird. Die Kugel ist radioaktiv verseucht, was die Lebenszeit des Wissenschaftlers auf wenige Wochen begrenzt. Schweren Herzens entschließt sich Evelyn, ihr gemeinsames Experiment zu vollenden, und lädt das noch intakte Gehirn ihres sterbenden Mannes auf den Superrechner. Das Ergebnis ist ein hochintelligentes Wesen, das schnell nach digitaler Ausbreitung und wissenschaftlicher Optimierung strebt.

Die Figur des Grenzen überschreitenden Forschers ist aus unzähligen Science-Fiction- und Horror-Geschichten bekannt. Ebenso die oftmals gute Absicht, die sie mit ihrem Handeln verfolgt. "Transcendence" lehnt sich also an vertraute Muster an, lädt seinen zentralen Konflikt zugleich jedoch mit starken Emotionen auf. Evelyn ist nicht nur eine bahnbrechende Wissenschaftlerin, sondern auch eine liebende Ehefrau, die ihren Mann verliert und ihn durch die Übertragung seines Geistes auf den Rechner am Leben erhalten will. Trauer, Verlorenheit und Ehrgeiz gehen fließend ineinander über, was ihre Entscheidung durchaus nachvollziehbar macht, selbst wenn Computer-Will schon bald einen größenwahnsinnigen Forscherdrang entwickelt.

Wo liegen die Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen? Was passiert, wenn technische Apparate plötzlich fühlen und denken können? Immer wieder kratzt der Film an diesen philosophischen und hochaktuellen Fragen, die das Science-Fiction-Genre seit jeher thematisiert, neue Antworten liefern Pfister und Drehbuchautor Jack Paglen (ebenfalls Debütant) allerdings nicht. Vielmehr dominiert auch hier eine äußerst skeptische Haltung gegenüber grenzenlosem Fortschrittsdenken. Regelrecht gespenstisch wirkt das Szenario, das sich nach der Schaffung des Computerwesens auf der Leinwand entfaltet. Die Künstliche Intelligenz verlangt nach einer immer größeren Energiezufuhr und leitet die sichtlich überforderte Evelyn dazu an, mitten in der Wüste ein gigantisches Laboratorium zu errichten, in dem die Menschheit auf eine neue Entwicklungsstufe gestellt werden soll. Der digitale Will spielt Gott und schreckt nicht davor zurück, andere Menschen an sich zu koppeln, sodass er Evelyn auf einmal in unterschiedlichen Personen gegenübertreten kann. Wahrlich furchterregende Bilder, die dem Zuschauer vor Augen führen, dass Individualität und Eigenständigkeit mit einem Mal zu unbedeutenden Eigenschaften verkommen.

Wenngleich all das nach einer faszinierenden Zukunftsreflexion klingen mag, kommt der Film mit den aufgeworfenen Fragestellungen und seinen verschiedenen Handlungssegmenten nur bedingt zu Rande. Seichtes Melodrama vermischt sich mit einer gewollt cleveren Scifi-Stoßrichtung, die zentrale Stichworte zum Thema "Vermenschlichung der Technik" abhakt, aber nur selten wirklich Tiefgründiges zu Tage fördert. Auffallend ungelenk wirken die immer wieder durchbrechenden Thriller-Momente, die um Evelyns Verfolger – die technikfeindlichen Aktivisten und das FBI – kreisen und einige Logikprobleme mit sich bringen. Dass die Terroristen und die Bundespolizei eine Ewigkeit brauchen, um den Wüstenort ausfindig zu machen, ist ebenso unglaubwürdig wie der später bemühte Plan zur Gefahrenabwehr, der seltsam altmodisch daherkommt. Pfister und Paglen können sich offensichtlich nicht entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollen, und rufen daher einfach alle möglichen Genre-Bausteine auf (am Ende gibt es noch einen Abstecher ins Actionkino). Durchgehende Spannung will sich so allerdings nicht einstellen.

Mitverantwortlich dafür ist nicht zuletzt das eher unauffällig bis lustlos agierende Darstellerensemble. Johnny Depp erscheint schon in den ersten Minuten merkwürdig lethargisch, was sich auch später nicht grundlegend ändert, da er die meiste Zeit nur noch akustisch oder über Monitore in Erscheinung tritt. Rebecca Hall ist wiederum redlich bemüht, ihrer reizvollen Figur Ecken und Kanten zu verleihen, muss sich in der zweiten Filmhälfte aber mit einigen eher lächerlichen Haltungswechseln herumschlagen. Vollkommen verschenkt wird Altstar Morgan Freeman, der als Wills gutmütiger Mentor nicht über die Rolle des billigen Stichwortgebers hinauskommt und seine wenigen Zeilen ohne große Leidenschaft herunterrattert.

Leider zeigt sich auch die Optik von "Transcendence" äußerst unentschlossen, was schon verwundern muss, da Pfister als Kameramann immerhin einige atemberaubende Arbeiten – darunter die Batman-Trilogie und "Inception" – betreut hat. Zu Beginn spielt sich vieles in schummrigen Innenräumen ab, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Erst mit Evelyns Flucht in die Wüste weitet der Film seinen Blick und liefert einige futuristisch-ansprechende Bilder, die das Ganze sichtlich aufwerten.

Fazit: Christopher Nolans Stammkameramann auf dem Regiestuhl, namhafte Schauspieler und eine relevante wie spannende Ausgangsidee – beste Voraussetzungen für ein mitreißendes Filmerlebnis, wenn sie denn wirkungsvoll miteinander kombiniert würden. "Transcendence" hat durchaus einprägsame Momente, davon aber viel zu wenige, um ein dickes Ausrufezeichen im Science-Fiction-Kino zu setzen.




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