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Und nebenbei das grosse Glück
Und nebenbei das grosse Glück
© Senator Film

Kritik: Und nebenbei das grosse Glück (2012)


Es scheint, als würde sich das französische Kino seit über zehn Jahren nur noch um die eigene Achse drehen, wenn es darum geht Publikumsmagnete in die europäischen Kinos zu schaffen. Startschuss für diese Entwicklung bleibt der alles inspirierende "Die fabelhafte Welt der Amelie" - ein unzweifelhaftes Meisterwerk des popkulturellen Kinos. Doch seit Jean-Pierre Jeunet hat sich gerade in Frankreich und in der Filmsparte "Liebeskomödie" nicht mehr viel getan. Gerade erst vor wenigen Wochen startete die charmant-romantische Komödie "Das verflixte dritte Jahr", welche sich mit mehr Glück als Verstand vor einer mittelschweren Katastrophe bewahrte und dank der speziellen, aber immerwährend freundlichen französischen Art zu einem ansehnlichen und unterhaltsamen Film entwickelte. Doch die Schwächen, die ewig gleichen Muster und die vielen Anlehnungen an Filme der 2000er Jahre wie eben jenen "Die fabelhafte Welt der Amelie" waren nichtzu übersehen. Gleiches gilt für die im September startende Liebeskomödie "Und nebenbei das große Glück", welche sich ebenso bekannten Rezepten bemächtigt, beinahe ausgelutschte Zutaten zu einem konventionellenn Plotvergnügen zusammen köchelt und dem immer gleichen Aufbau folgt. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass Filmemacher James Huth auf die Klischees sogar stolz wäre.

Gerade die erste halbe Stunde des Films macht deutlich, welche Spuren "Die fabelhafte Welt der Amelie" im französischen Kino hinterlassen hat. Die modern geschnittene Inszenierung, die bunten Farben, die unterhaltsamen Figuren in den Mitt-Dreißigern und eine locker, fröhliche Atmosphäre erinnert in vieler Hinsicht an den Klassiker von 2000 und unterstreicht gleichzeitig Fluch wie Segen. Einerseits kann der Zuschauer schnell einordnen, in welche Richtung die Komödie sich entwickeln soll, weil ähnliche Formate schon unlängst im Kino liefen. Gleichzeitig steigert sich der große Fluch zu einem kleinen Segen, weil das Publikum immer noch genug Gefallen an den eigentlichen Stereotypen hat, weil der rational unerklärliche "französische Charme" zu jeder Sekunde jede erdenkliche platte Konvention auffangen kann. In jeder deutschen Variante der Geschichte würde der unnötige Aufguss, beispielsweise mit Til Schweiger und Nora Tschirner in den Hauptrollen, in die Hose gehen. Dank des besonderen französischen Charmes aber bleibt auch der eigentlich einfallslose "Und nebenbei das große Glück" spritzig, unterhaltsam und keck in Erinnerung, wodurch zu mindestens das Unterhaltungspensum beim Zuschauer gedeckt wird.

Im Gegensatz zu anderen Komödien aus dem Nachbarland setzt Regisseur James Huth weniger auf intellektuell anspruchsvollen Humor, wie es das Kammerspiel "Der Vorname" mit viel Eleganz und Dialogwitz momentan in den Kinos tut. Im kindlich-trivialen Gewand verläuft der Humor des französische Drehbuchautors und Filmemachers, der, mit einer brachialen Bratpfanne des Slapsticks-Humor bewaffnet, nicht nur auf seine Figuren eindrischt, sondern besonders den Zuschauer im Visier hat, der sich mit den eigentlich stumpfsinnigen, aber köstlich amüsierenden Hau-Drauf-Gags bestens zu unterhalten weiß. Kaum ein Film hat einen so platten, wie genial animalischen Humor, der von einfachsten Charlie-Chaplin-Zitaten, über böswillige Fremdschämwitze, hin zu makaberen Running-Gags die tiefsten und abgelegensten Knöpfe im Zuschauer drückt, der dadurch gleichermaßen überrascht wird, wie er Rotz und Wasser heult. In dieser Hinsicht entwickelt sich "Und nebenbei das große Glück" zu einem sehr überraschenden, da ungewohnten Film, der seinen Humor eben mal nicht in großer geistreicher Eloquenz sucht, sondern viel lieber die niederen Instinkte des Zuschauers anspricht. Gerade im Slapstick ist das Timing besonders wichtig. In dieser Hinsicht versteht der Regisseur wie seine Hauptdarsteller ihr Handwerk. Minutiös geplant und toll umgesetzt, reizt der Film in vielen Momenten all seine Vorzüge aus. Es funktioniert. Denn auf diesen Humor kann der Film bauen, der ansonsten zwar charmant, aber austauschbar bleibt.

Getragen von dem sehr gut ausgewählten Schauspielerensemble, welches mit Gad Elmaleh und Sophie Marceau ein süßes Filmpärchen zu Tage fördert, gelingt es dem Film gerade in der ersten halben Stunde von der vorprogrammierten und wenig originellen Handlung abzulenken. Denn die Zutaten "zufällige Begegnung", "schnelle Affäre", "Großbaby-Künstler, der keine Verantwortung übernehmen will" und "geschiedene Ehefrau mit drei Kindern" ist bei weitem nicht neu oder in der Konstellation überragend originell. Schon im Mittelteil und gerade im Finale offenbart sich die unpräzise und abgekupferte Drehbucharbeit, die zwar unterhaltsam bleibt, gerade in den dramatisch angehauchten, aber in den Sand gesetzten Momenten viel zu langatmig und aufgedunsen wirkt. Mit 110 Minuten Spielzeit macht sich Regisseur James Huth das Leben selbst schwer, dessen Drehbuch in vielen Szenen zusammenhangslos und ohne Anschluss vor sich hin plätschert. Kürzungen hätte dem Film sehr gut getan, der ansonsten planungssicher sein Endhafen erreicht und für wenige Überraschungsmomente sorgt. Wäre da nicht der französische Charme und der brachiale Humor des Films...

Fazit: Französisches Kino, mit Fluch und Segen. Während der Plotverlauf kaum über den eigenen Tellerrand blicken kann, ist es die brachiale Mischung des Humors, der den Slapstick- und fremdschämlastigen Film zu einer sehr unterhaltsamen Sommerkomödie macht. Mit abstrichen empfehlenswert.




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