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Alles wird gut
Alles wird gut
© NFP marketing & distribution

Kritik: Alles wird gut (2012)


Eine Casting-Show irgendwo in Köln. Annika, eine Produktionsleiterin soll für die Talentshow die Teilnehmer kategorisieren, wie nach ihren tragischen Momenten befragen. Kommerzialisierte Verwertbarkeit steht im Vordergrund. Mit den behinderten Menschen kann sie nicht viel anfangen, viel mehr genervt von deren "speziellen Bedürfnissen" schickt sie sie aus "Hygiene-Gründen" in einen gesonderten Raum. Doch die sich dort befindenden Kandidaten werden schlicht und ergreifend vergessen.

Regisseur Glasow, der die Entwicklung seines Theaterstücks von Anfang an als Prozess ohne Skript verstanden hat, gibt diese Rahmenbedingung als einziges festes Element vor. Gerade dieser Rahmen einer Casting-Show gibt dem Film von der ersten Sekunde an einen zynischen, wie gesellschaftskritischen Ton. Annika eröffnet den Film mit "Ihr seit alle perfekt" , welches sie lächelnd in den Raum posaunt. Doch sind wir alle perfekt?

"Alles wird gut" stellt sich dieser Frage, hinterfragt das System der "Selbstentblößungsshows" in der privaten Fernsehlandschaft Deutschlands. Vielleicht liegt der handlungstragende Ort gerade deshalb in Köln, da, wo viele jener Sendungen produziert werden. Dieser Fingerzeig unterstreicht den Aufbau des Theaterstücks, welches die Figuren in "Alles wird gut" bei der Teilnahme einer Talentshow zeigen, die wiederum von einem anderen (Theater)Publikum beobachtet werden.
Dann lachen die Voyeure im Publikum, erfreuen sich an den ausgeklügelten Gags und der ungemein humorvollen Ader des Films und erkennen langsam, dass "spezielle Bedürfnisse" nicht bei blinden Menschen anfangen und auch nicht bei Menschen mit Down-Syndrom aufhören. Glasows abschließende Botschaft bündelt sich nämlich in der These, dass jeder Mensch Bedürfnisse auf Grund einer Behinderungen hat.

Diese These unterstreicht Glasow dank vieler intelligenter Kniffe, die seine Dokumentation ein weiteres Stück besser macht. Der Zuschauer wird selbst Teil des Prozesses und sieht zu Beginn des Films viele Darsteller, die über ihre Probleme, wie Ängste sprechen. Glasow inszeniert diese Interviews so geschickt, das der Zuschauer nicht immer weiß, ob die gezeigte Person eine "herkömmliche" Behinderung hat oder nicht. So sieht man eine Frau, die ganz alltägliche Probleme hat – es scheint, als wäre sie eine der Nicht-Behinderten. Doch wenn sie in der nächsten Szene im Rollstuhl sitzt, erkennt der Zuschauer, dass eine Behinderung an sich kein Leben in seiner Gestaltung einschränken muss, wiederum aber nicht vor anderen allgegenwärtigen Problemen schützt.
Wer von den 14 Darstellern ist also normal und wer nicht? Vielleicht sind es gerade die "Normalen", die zu unserem Problem werden und nicht die sonderbaren, eigenwilligen, deprimierten, gewöhnungsbedürftigen oder seltsamen Schauspieler, die auf der Bühne von "Alles wird gut" auftreten. Dieser Gedankenanstoss tut gut, gerade weil viele Filme eine solche Meta-Ebene nie erreichen.

Behinderungen zum trotz leiden die meisten Darsteller unter den normalsten Problemen, die man in der Gesellschaft findet. Im Gegensatz dazu wirken die meisten Nicht-Behinderten selbst wie seelische Krüppel, die unter Depressionen, Angstzuständen und mangelndem Selbstvertrauen mehr leiden, als die blinde Sängerin Leslie, die aber wiederum mehr mit eingebildeten Vorurteilen zu kämpfen hat, als mit der Tatsache, dass sie nichts sieht.
"Alles wird gut" ist ein Porträt von Menschen, die mit Hilfe ihrer Rollen die Möglichkeit erhalten, sich selbst zu reflektieren. Denn Glasow legt jede Rolle so an, dass sie immer auch ein Teil des Schauspielers selbst ist. Dadurch entsteht nicht nur ein Spiegelbild des jeweiligen Schauspielers, sondern auch des Zuschauers selbst, der mit Hilfe dieser Prozessdokumentation erkennt, dass Behinderung oder Nicht-Behinderung keinen Unterschied macht: Wir Menschen als Mangelwesen haben immer Probleme, Behinderungen und Bedürfnisse.
Was sich nach einer deprimierenden Botschaft anhört, wandelt aber Glasow nicht nur in seinem Theaterstück zu einer hoffnungsvollen, wie ungemein humorvollen Botschaft um, die nicht an Zweckoptimismus glaubt, sondern einem Glaubensbekenntnis gleich kommt: "Alles wird gut!". Im Gegensatz zum gescheiterten "Die Kunst sich die Schuhe zu binden" kappt Glasow die geglaubten Brücken zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten, betrachtet sie als eins und macht keine Unterschiede. Gleichzeitig baut der Film dadurch Vorurteile und Berührungsängste, die irgendwo ganz normal sind, im Zuschauer ab, schafft es auf eine ehrliche Art zu sensibilisieren, wie zu zeigen: Behinderte Menschen leiden an, wie erfreuen sich über die gleichen Dinge, wie die sogenannten "Normalen".

Fazit: Mit ungemein viel Humor und einem Sinn für Dramatik entwickelt sich Glasows neueste Dokumentation von einer zerfahrenen Doku hin zu einem Film, dessen Quintessenz nicht nur wahrhaftig, sondern als Gedankenanstoß für den Zuschauer fungiert: Wir haben alle unsere Bedürfnisse, wir haben alle unsere Behinderungen. Und dennoch: Alles wird gut.





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