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Bevor der Winter kommt
Bevor der Winter kommt
© 24 Bilder © polyband

Kritik: Bevor der Winter kommt (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das französische Drama "Bevor der Winter kommt" erzählt in stillen Bildern von der plötzlichen Sinnkrise eines erfolgreichen Mannes um die 60. Paul und seine Frau Lucie lieben sich und genießen ihr schönes Zuhause am Waldrand. Dieses Paar könnte also die Herausforderungen des Altwerdens meistern. Aber Paul sucht die Bekanntschaft der Studentin Lou, denn sie gibt ihm die Fähigkeit zu staunen zurück. Das hätte leicht eine banale Geschichte über einen Silver Ager, der sich mit einer blutjungen Frau lächerlich macht, werden können. Aber der Regisseur und Drehbuchautor Philippe Claudel erzählt sie anders, ein wenig wie einen Thriller und gleichzeitig als spannende Selbsterforschung des Hauptcharakters.

Das Grundmotiv der kontemplativen Geschichte sind die eingefahrenen Gleise im Leben. Büßt man nicht die Fähigkeit ein, sich von neuen Erfahrungen überraschen zu lassen, sobald man seinen Weg einmal gefunden hat? Wenn Paul bei der Visite im Krankenhaus den Ärztekonvoi anführt, ist er eine allseits bewunderte Autorität, die größte Hoffnung seiner Patienten, das Vorbild der jüngeren Mediziner. Arrivierter als er kann man in der bürgerlichen Gesellschaft nicht sein. Dieses Ansehen und dieser Lebensstandard sind durch eine Leistung erkauft, die kein Ausscheren, keine Schwankungen, keine Nachlässigkeit erlaubt. Aber jede Reduktion auf eine Rolle ist auch ein Selbstbetrug. Plötzlich weicht Paul aus den vorgesehenen Gleisen ab, indem er Lous Nähe sucht und noch einmal, indem ihm der Sinn dabei nicht nach Sex steht. Solchermaßen vom Weg abzukommen, kann sich lohnen, aber auch gefährlich sein.

Überall lauern Rätsel, locken Spuren in detektivische Fantasien: Pauls langjähriger Freund und Kompagnon Gérard (Richard Berry) ist womöglich mehr als nur still in Lucie verliebt. Der Sohn Victor (Jérôme Varanfrain) ist vielleicht so rücksichtslos, weil ihn der Vater nie ganz akzeptiert hat. Ist Paul nicht ein brutaler, von Lucie völlig zu Unrecht geliebter Egoist? Schließlich kann er mit Lucies psychisch kranker Schwester nicht einmal ein freundliches Wort wechseln. Kristin Scott Thomas spielt Lucie mit einer zurückhaltenden, kühlen Würde, die das Korsett der gekränkten Ehefrau selbstbewusst sprengt. Und Daniel Auteuil versteht es einmal mehr, einen ganzen Menschen zu verkörpern mit seinem inneren Navigieren zwischen vertrautem Gebiet und Unsicherheit. Wer könnte so charmant wie er zarte, verletzliche Gefühle auf das Gesicht eines Mannes zaubern, der im Leben so gut zurechtkommt? Das gediegene Ambiente mit der Villa und dem herbstlichen Garten verstärkt die Atmosphäre ruhiger, leicht melancholischer Betrachtung, in der sich Geist und Sinne öffnen.

Fazit: Das französische Drama schildert die Krise eines alternden Mannes als Entdeckungsreise mit emotionalen Gefahren und philosophischen Höhepunkten. Daniel Auteuils sensibles Schauspiel und der wiederkehrende Flirt mit dem Thriller sorgen für vielschichtige, anregende Kinounterhaltung.




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