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Der Hypnotiseur - Hauptplakat
Der Hypnotiseur - Hauptplakat
© Prokino

Kritik: Der Hypnotiseur (2012)


Kieferholzmöbel und Mord: Das sind die beiden wohl wichtigsten Exportschlager Schwedens. Besonders favorisierter Abnehmer bildet dabei der deutsche Markt, der nach immer neueren Kriminalgeschichte aus Skandinavien lechzt, wenn er nicht gerade Köttbullar schmatzend im IKEA-Restaurant verweilt. Ein Viertel des gesamten Buchaufkommens hierzulande dreht sich um das Katz- und Mausspiel zwischen Täter und Ermittler. Stolze 120 aus Skandinavien stammende Autoren füllen hier den Buch-, wie Filmmarkt. Dazu zählen nicht nur Autoren wie Henning Mankell, dessen Romane genauso zahlreich für das Fernsehen verfilmt wurden wie Stieg Larssons „Millennium Trilogie“ - die es gar zu einem amerikanischen Remake unter der Leitung des großartigen David Finchers gebracht hat - sondern auch Autoren wie Lars Kepler. Ein Synonym ist dieser Name, eine Hommage an jenen bereits verstorbenen Stieg Larsson. Hinter dem Versteckspiel steckt das Schriftstellerehepaar Alexander Ahndoril und Alexandra Coelho Ahndoril. Ihr Kommissar Joona Linna schafft es nun ebenso wie viele seiner literarischen Kollegen den Sprung auf die große Leinwand: „Der Hypnotiseur“.
Die erste Verfilmung einer der insgesamt acht Romanen, die „Lars Kepler“ bisher fertiggestellt hat, wurde mit einer großen Ehre bedacht: Ein weiterer Kultur-Exportschlager, Hollywoodregisseur Lasse Hallström, kehrt nach 20 Jahren das erste Mal in sein Heimatland zurück. Eine Herzensangelegenheit nach Werken wie „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Chocolat“ oder zuletzt „Lachsfischen im Jemen“. Gleich mitgenommen hat er die in Übersee erfolgreiche Lena Olin („Alias – die Agentin“, „Die neun Pforten“), die seiner skandinavischen Produktion kinoreifen Charme verleihen soll. Es hat funktioniert. In Deutschland hat „ProKino“ den Film als Verleih übernommen, der im Frühjahr 2013 gar den Weg auf die ganz große Leinwand schafft. Denn eines soll Gewiss sein: Ohne einen Hallström als Werbemittel würde „Der Hypnotiseur“ seinen verdienten Platz im Spätabendprogramm des ZDFs erhalten. Für mehr reicht es nicht im ambitionierten, aber durch und durch konventionellen Thriller, dem überraschend schwedische Grundtugenden abhanden kommen.

Schwedische Krimis funktionieren so gut, weil sie eine eisige Unbarmherzigkeit an den Tag legen und durch Kälte und Schnee eine frostige, wie unheimliche Atmosphäre versprühen. Menschen am Abgrund, seelische Vergewaltigungen, Familiäre Intrigen, blutige Morde. Alles Markenzeichen des skandinavischen Thrillers. Zynisch, gewalttätig, grauenhaft. „Der Hypnotiseur“ vermag dieser Charme an vielen Stellen abhanden zu kommen. Hallström lässt nämlich seine Handlung eher im Korsett einer Hollywoodproduktion vor sich hin plätschern. Auf den Regisseur zu schließen, wäre nun die einfachste Möglichkeit. Schließlich ist Hallström durch seine Erfahrungen in Amerika nicht unbedingt ein ausgewiesener Fachmann für Thriller. Mag man diese These nicht widerlegen können, auch wenn Hallström auffällig unauffällig inszeniert, so ist es das Ahndoril-Ehepaar, dessen Inspirationsquelle Hort der schleichend konventionelles Handlungsmuster wird. Nach eigenen Angaben schauen diese jeden Abend einen Film und sind größte Fans von Hollywoodfilmen. Ein Leugner wäre man, würde man diesen Einfluss nicht spüren. Vielleicht hat Hallström auch deswegen die Adaption übernommen, weil ihm somit am ehesten die Möglichkeit gegeben ist auch im schwedischen Kino hollywoodähnlichen Charme aufkommen zu lassen. Eine falsche Hoffnung, die in einem kleinen Verrat an schwedische Tugenden mündet. So kommt nämlich ein Film zum Vorschein, der zu offensichtlich amerikanisch sein will, während er mit typischen Stilmitteln des schwedischen Thrillerkinos im Konflikt steht. Gerade das aufgesetzte Spannungsfinale vermag eher zum Kopfschütteln einladen, als zu pochenden Herzen führen, weil das, was den schwedischen Exportschlager so ausmacht, Nervenkitzel und seelische Abgründe, plakativ ausgeschlachtet, aber nicht überzeugend auf die Leinwand geworfen wird.

Porentief gereinigt wirken die Charaktere nach einem überrumpelnden Start, der an so manch gravierenden Fehlern in der Profilzeichnung erkrankt. Das erste Treffen zwischen Kommissar Joona Lina und dem in Ungnade gefallenen Erik Maria Bark hat den Charme einer mittellosen TV-Produktion und verläuft unglaubwürdig und amerikanisierend. Kein gutes Fundament. Gerade der Hypnotiseur, dem Titel zufolge eine Hauptfigur, bleibt überraschend blass, wie bedeutungslos in seinem Handeln, wo doch alleine eine solche Figur und seine angerissenen Hintergründe mehr Tiefgang in der Charakteristik bieten würde. Einzig überzeugend bleibt der Auftritt von Lena Olin als hysterische Mutter in Erinnerung, die nicht nur ihrem in Hollywood bekannten Namen alle Ehren macht, sondern auch gegen die steigende Lethargie einer harmlosen Kriminalgeschichte ankämpft. Sie gibt ihren Szenen den Reiz einer ambivalenten, undurchsichtigen Figur, die vor lauter Dunkelheit und Kälte langsam den Verstand verliert.

Fazit „Der Hypnotiseur“ ist ungemein vorhersehbar. Dann bringt auch die atmosphärische Kälte der schwedischen Umgebung wenig, dann fügt auch die äußerste Gewaltdarstellung zu keinem Mehrwert. Nur selten mag Hallström überzeugen, dessen Film einer aufgebauschten TV-Produktion gleicht, die mehr sein will, als sie ist. Ohne die Reputation des Regisseurs würde der Film mit Sicherheit nicht im deutschen Kino anlaufen.




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