Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Nonne (2012)


Mit "Die Nonne" versucht sich Regisseur Guillaume Nicloux ("Eine ganz private Affäre") in der Verfilmung eines Klassikers der französischen Literatur. Denis Dideros Aufklärungsroman, der 1796 posthum veröffentlicht wurde, bietet die Vorlage für Niclouxs neusten Film. Im Gegensatz zu Didero, der eine fundamentale Kirchenkritik in seinem Roman formuliert, konzentriert sich Nicloux in seinem Film vorrangig auf die Persönlichkeit der Protagonistin Suzanne Simonin (Pauline Étienne). Eine Frau, die den Konventionen der Zeit trotzt, die in Gefangenschaft und trotz unmenschlicher Demütigungen für ihre persönliche Freiheit und Selbstbestimmung kämpft. Die Aktualität dieser Thematik liegt auf der Hand. Patriarchal geprägte Systeme, familiäre wie gesellschaftliche, existieren und verweigern individuelle Freiheit mit Begründung durch anachronistische "kulturelle Werte" und Sitten. Nicloux versteht es dabei gekonnt, Suzanne nicht als kämpferische Jean d’Arc darzustellen, sondern neben ihrer Standhaftigkeit auch die schwache Seite zu zeigen. Suzanne leidet nicht nur unter den Demütigungen und Grausamkeiten der sadistischen Mutter Oberin Christine (Louise Bourgoin), sondern auch unter der Entindividualisierung durch ein System, das jeden Fehltritt aufs schärfste sanktioniert. Und der Zuschauer leidet mit ihr. Nicloux vermeidet es dabei, ihren Leidensweg auf voyeuristische Art zu zeigen. Vielmehr arbeitet er bedacht mit Symbolik, wenn beispielsweise ein großes weißes Tuch mit einem roten Kreuz über sie gedeckt wird, während sie auf dem kalten Boden liegt. Ein Leichentuch, unter dem sie stöhnend die Augen verschließt.
Die gelungene Auswahl der Schauspieler ist eine weitere Stärke des Films. So war Pauline Étienne die perfekte Wahl für die Hauptrolle. Martina Gedeck glänzt in der Nebenrolle der Mutter und in der Rolle der Schwester Christine überzeugt Louise Bourgoin, die nicht auf Anhieb wie eine böse Mutter Oberin wirkt, eher sanft und strahlend – das genaue Gegenteil von ihrer Rolle. Deshalb aber umso glaubwürdiger.
Anders als die Verfilmung Jacques Rivettes, die 1966 nach ihrer Uraufführung in Cannes durch die französischen Behörden verboten wurde, wird dieser Film (glücklicherweise) nicht so hohe Wellen schlagen. Das Statement des Films, das Recht auf persönliche Selbstbestimmung, ist allerdings weiterhin aktuell.

Fazit: Ein bewegender Film mit großartigen Bildern über ein Thema, das über die Jahrhunderte immer noch aktuell ist. Mit grandioser Besetzung lädt "Die Nonne" zum Nachdenken ein.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.