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Die Jagd - Hauptplakat
Die Jagd - Hauptplakat
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Die Jagd (2012)


Beim Festival von Cannes wurde Thomas Vinterbergs Film "Die Jagd" begeistert aufgenommen und Hauptdarsteller Mads Mikkelsen erhielt den Darstellerpreis. Tatsächlich spielt er den zu Unrecht verdächtigten Lucas äußerst beeindruckend. Lucas ist ein netter Mensch, der mit Kindern gut umgehen kann, seinen Sohn vermisst und nun auf einen Neuanfang nach der Scheidung hofft. In der Dorfgemeinschaft ist er fest verankert, seit Generationen lebt seine Familie schon dort. Mit den anderen Männern des Ortes geht er zur Jagd, sie trinken und feiern zusammen. Er passt dorthin. Nebenbei kümmert er sich um die fünfjährige Klara (grandios: Annika Wederkopp), die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen), die nicht auf Striche treten mag, viel Phantasie hat und oft ein wenig verloren wirkt. Und sie ist es schließlich, die gegenüber der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold) behauptet, sie habe den erigierten Penis von Lucas gesehen.

Grethe ist irritiert und misstrauisch. Anfangs will sie die Situation in Ruhe klären, aber dann sucht sie Hilfe bei einem Kollegen, informiert Lucas' Ex-Frau und die anderen Angestellten des Kindergartens. Damit ist die Hetzjagd eingeläutet. Ein Elternabend wird einberufen, als Indizien für möglichen erfolgten Missbrauch nennt die Leiterin Bettnässen und Albträume. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass Kinder die Übergriffe oft leugnen. Dadurch nimmt die Zahl der möglichen Opfer rasant zu – und zugleich wird jeder beeindruckend tapfere Versuch Klaras, die Geschichte richtig zu stellen, von den Erwachsenen als Versuch gedeutet, die Ereignisse aus Scham abzustreiten. Für Lucas gibt es keine Verteidigungsmöglichkeiten – das Urteil des Dorfes steht fest: Er hat Kinder missbraucht. Deshalb wird er beschimpft und ausgegrenzt und sogar sein Sohn (Lasse Fogelstrøm) wird in die Auseinandersetzungen mit hineingezogen.

Thomas Vinterbergs Film basiert auf der einfachen Annahme, dass Kinder immer die Wahrheit sagen. Dabei zeigt "Die Jagd" eindrucksvoll, wie eine solche Hetzjagd entstehen kann. Die Sympathien des Zuschauers liegen eindeutig auf der Seite von Lucas, der erstaunlich ruhig und gelassen bleibt. Im Gegensatz zu ihm weiß der Zuschauer, dass Klara aus Enttäuschung über Lucas' Zurückweisung diese Geschichte erzählt und sie mit dem pornographischen Bild verknüpft hat, das sie auf dem Tablet-PC ihres Bruders gesehen hat. Deshalb muss man hilflos mit ansehen, wie erst Grethe ihre Objektivität verliert und Klara Fragen beantworten muss, die die richtige Antwort bereits enthalten. Dadurch entsteht ein spannendes und dichtes Drama, dessen Szenen teilweise kaum mit anzusehen sind. Allerdings weicht Thomas Vinterberg dadurch auch einigen Schwierigkeiten aus. Seine Hauptfigur ist so gut, dass er nur einmal tatsächlich aufbegehrt. Indem Thomas Vinterberg von vorneherein zeigt, wie Klara auf die Idee kommt und einen erigierten Penis beschreiben kann, steht Lucas' Unschuld fest. Gäbe es hier eine größere Ungewissheit, wäre auch die Verurteilung des Verhaltens der Dorfbewohner schwieriger gewesen und der Zuschauer hätte sich noch stärker mit dem Film auseinandersetzen müssen.

Sicherlich ist es mutig, in einer Zeit, in der wiederholt von sexuellen Übergriffen auf Kinder berichtet wird, einen Film zu machen, in dem ein Mann zu Unrecht verdächtigt wird. Es fällt aber auch auf, dass es in dem gesamten Film keine Frau gibt, die zu Lucas hält – weder seine im gesamten Film nicht zu sehende Ex-Frau noch seine Freundin glauben an seine Unschuld. Hier wäre eine größere Differenzierung wünschenswert gewesen. Dennoch überzeugt "Die Jagd" als ruhig inszeniertes Drama, das dank eines hervorragenden Hauptdarstellers die Zuschauer mit schwierigen Fragen konfrontiert.

Fazit: Unaufgeregt inszeniert und mit einem hervorragenden Schluss ist "Die Jagd" trotz einiger Kritikpunkte ein beeindruckendes Drama, das zum Nachdenken anregt.





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