VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
All Is Lost
All Is Lost
© Universum Film

Kritik: All Is Lost (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Blau-grau ist das erste Bild von "All is lost", dazu erklingen die Worte "I’m sorry" und eine Stimme beginnt, einen Abschiedsbrief vorzulesen. Dann folgt eine Einblendung, die die Handlung acht Tage zurückführt. Ein Mann (Robert Redford) schläft in der Koje seiner kleinen Segeljacht, als er plötzlich durch ein Rumpeln geweckt wird. Es ist Wasser im Inneren des Bootes. Er steht auf, geht an Bord und sieht, dass seine Jacht von einem auf freier See treibenden Container gerammt und beschädigt wurde. Sofort beginnt er zu handeln: Er zieht das Boot vom Container und versucht, das Leck abzudichten, Wasser aus dem Inneren zu pumpen und wichtige Sachen zu trocknen. Das Funkgerät sowie die Navigationsinstrumente und sein Handy wurden durch das Salzwasser jedoch zerstört – und so ist er inmitten des Indischen Ozeans auf sich allein gestellt.

Bei diesen ersten Bildern von "All is lost" scheinen Natur und die Sorglosigkeit im Umgang mit billig produzierten und verschifften Waren aufeinander zu treffen, jedoch verdichtet sich J.C. Chandors ("Der große Crash – Margin Call") Ein-Personen-Film schnell auf den Überlebenskampf eines einzelnen Mannes. Indem der Film mit seinem Ende beginnt, weiß der Zuschauer bereits, dass der Weg von diesem ersten Leck unweigerlich bergab führen wird. Dadurch unterliegt diesem Film eine große Anspannung, die J.C. Chandor mit einfachen Mittel geschickt anzieht: Den unberechenbaren äußeren Einflüssen setzt der Segler sehr besonnenes Verhalten entgegen. Während ein Sturm tobt, der sein Schiff vernichten könnte, sucht er nicht nur wichtige Sachen zusammen, sondern rasiert sich noch in aller Ruhe. Als er den Mast hochklettert und die Kamera beständig nach unten schwenkt, erwartet man fast einen Sturz. Und als er schließlich auf dem Rettungsboot landet, zeigt die Kamera Unterwasseraufnahmen dieses Bootes von unten. Es sammeln sich Fische, die harmlos aussehen, jedoch auch Haie anlocken – und hier wird noch einmal mit aller Macht deutlich, dass man keine 3D-Effekte wie in "Kon-Tiki" oder "Schiffbruch mit Tiger" braucht, um die bedrohliche Schönheit des Ozeans zu zeigen. Vielmehr ist "All is lost" ein im besten Sinn pures Kinoerlebnis, dass sich allein auf die Kraft seiner Bilder, seiner Musik und seines großartigen Hauptdarstellers verlässt.

Mit introvertierter Intensität verkörpert Robert Redford den namenlosen Mann, der noch im Abspann lediglich "Our Man" heißt. Jede Bewegung zeigt die Routine des Seglers und strahlt dessen erzwungene Ruhe aus, kleine Veränderungen in Gestik und Mimik zeugen von Stolz und Freude angesichts erfolgreicher Hilfstaten, später schleichen sich Angst und Hoffnungslosigkeit ein. Robert Redford braucht keine exklamierten Dialoge oder expressives Verhalten, er braucht keinen Volleyball als imaginierten Gesprächspartner wie Tom Hanks in "Cast Away", vielmehr liegt in seiner physischen Darstellungskraft alles, was man wissen muss. Dabei überlässt es J.C. Chandor den Zuschauern, sich eine Biographie des Mannes zu überlegen. Der Segler wird Familie haben, darauf deutet sein Abschiedsbrief. Vielleicht ist er ein ehemaliger Manager im Ruhestand, der sich nun seinen Traum von der Segeltour im Indischen Ozean erfüllt. Das Obst im Inneren des Bootes könnte von vergangenen Landgängen zeugen, der wertvoll aussehende Sextant könnte das Reisegeschenk seiner Familie sein. Hier bleibt sehr viel Raum für Projektionen und Überlegungen, die aber letztlich eine untergeordnete Rolle spielen: Er ist ein Mann, der um sein Überleben kämpft.

Im gesamten Film werden – abgesehen von dem Eingangsmonolog – lediglich die drei Worte "god", "fuck" und "help" gesprochen, aber auch ohne verbale Information weiß man als Zuschauer, welche Bedeutung der Sumatra Strait hat, auf den der Segler zusteuert. Hier vertraut J.C. Chandor abermals auf den Verstand des Zuschauers – und unterscheidet sich damit sowie mit dem offenen Ende wohltuend von anderen Regisseuren, die immer alles erklären müssen. Stattdessen setzt Chandor auf das Erleben, eine intensive Kameraarbeit und die reduzierte Musik von Alex Evans, die Gefahr, Sehnsucht und Hoffnung ausdrückt, ohne sich allzu sehr in den Vordergrund zu drängen. Dadurch wird "All is lost" zu einem der eindrucksvollsten Filme der letzten Jahre.

Fazit: "All is lost" ist ein atemberaubender Film, der Kino auf das Wesentliche und Wichtige reduziert. Einen Schauspieler, eindrucksvolle Bilder und einen großartigen Soundtrack – mehr braucht man nicht für einen großen Film.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.