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Kritik: Concussion (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Abby (Robin Weigert) wird zu Beginn von "Concussion" ("Erschütterung") von einem Baseball ihres Sohnes am Kopf getroffen, was zu einer stark blutenden Platzwunde führt. Das Ereignis ist für die mit ihrem Leben gelangweilte und in ihrer Ehe mit Kate (Julie Fain Lawrence) sexuell frustrierte Mutter zweier Kinder wie ein Weckruf, der Abby signalisiert, dass sich etwas ändern muss. Ihr abgesichertes Vorstadtleben erschöpft sich in Routinen, wie dem täglichen pünktlichen Fahren der Kinder zur Schule oder dem täglichen Besuch des Fitnesscenters, in dem sie auch ihre Freundinnen trifft, die ebenfalls alle Hausfrauen sind. Um wieder einen richtigen Kick zu verspüren geht Abby deshalb zu einer Prostituierten. Die erste wird ein Reinfall, aber ein Bekannter empfiehlt ihr "eine, die besser sein soll". Das ist diese auch tatsächlich und darüber hinaus erkennt Abby, dass es ihr selbst Vergnügen bereitet, diese Prostituierte zu befriedigen, obwohl sie das als Kundin eigentlich nicht müsste. So kommt es, dass Abby kurz darauf selbst einige Kundinnen dieser Prostituierten bedient, die mehr an reiferen Frauen interessiert sind...

Wenn man von Filmen spricht, in denen sich Frauen freiwillig selbst prostituieren, nicht weil sie das Geld benötigen, sondern weil diese Tätigkeit bestimmte bisher unbefriedigte Bedürfnisse stillt, dann ist es unvermeidlich auf Louis Buñuels surrealen Erotik-Klassiker "Belle de jour" von 1967 zu sprechen zu kommen. In diesem Film spielt Catherine Deneuve eine Hausfrau, die ihre in ihrer Ehe mit einem ebenso liebevollen, wie braven Arzt nicht befriedigte masochistische Neigung, heimlich als Prostituierte lebt. François Ozon hat mit "Jung & schön" dieses Thema erneut aufgegriffen. Doch die Protagonistin in seinem Film will mit ihrer Tätigkeit keine spezielle sexuelle Neigung befriedigen. Vielmehr scheint es der jungen Frau darum zu gehen, sich selbst überhaupt einmal zu spüren und somit ein Stück die eigene Identität zu finden und darüber hinaus einfach auch Abenteuer zu erleben. In "Concussion", dem Debütfilm der Amerikanerin Stacie Passon, ist es eine Mischung aus beidem, was die Protagonistin antreibt. Einerseits fühlt Abby sich in ihrer Ehe mit der sexuell desinteressierten Anwältin Kate, ähnlich unbefriedigt, wie Catherine Deneuve in "Belle de jour" in ihrer Ehe mit einem Arzt. Und ähnlich, wie die Protagonistin in "Jung & schön" sucht auch Abby das Abenteuer. Die Besonderheit von "Concussion" besteht folglich alleine darin, dass Abby eine lesbische Frau in mittleren Jahren ist.

"Concussion" ist ein amerikanischer Independentfilm, der sich durch einen fast dokumentarischen Naturalismus auszeichnet. Nüchtern und unaufgeregt fängt die Kamera von David Kruta das Leben in einem Vorort von New Jersey ein. Dieses Vorstadtleben erweist sich als die Realität gewordene Verwirklichung sämtlicher Klischees, die man über die amerikanische "Suburbia" kennt. Die einzige Abweichung besteht darin, dass es in der Kommune, in der Abby lebt anscheinend normal ist homosexuell zu sein, solange man bzw. frau nur das gleiche Spießerdasein lebt, das bereits all die ebenso glücklichen, wie langweiligen heterosexuellen Spießer-Paare vorleben. Lesbisch sein ist im Falle von Abby also okay, solange sie nur auch schön brav mit einer Frau verheiratet ist. Doch auf die anfängliche Erschütterung, folgt für Abby auch der Ausbruch aus dieser sich alleine auf die Stimmigkeit der äußeren Fassade fokussierten Welt.

Dass Abby letzten Endes nicht ganz den vollkommen oberflächlichen Lifestyle ihrer Freundinnen teilen mag, deutet sich bereits mit der allerersten Szene von "Concussion" an. Dort diskutieren die Frauen im Fitnesscenter gerade über die angebliche dramatische Erkenntnis, dass eine Frau in ihrem Alter sich dafür entscheiden müsse, ob sie entweder ein straffes Gesicht oder lieber einen festen Hintern haben möchte. Abby verkündigt trotzig: "I am going for ass!", womit sie auch sagt, dass ihr ihr Hintern wichtiger als ihr Gesicht bzw. Ihre Fassade ist, was in der Ähnlichkeit zwischen dem Englischen "face" und "facade" noch deutlicher wird. Hier deutet sich bereits der Konflikt an, der die gesamte weitere Handlung des Films bestimmen wird. Es geht um konforme Spießer versus individuelle Nonkonformisten, wobei zumindest für Spießer eine neue Erkenntnis sein mag, dass auch verheiratete lesbische Frauen ganz schön spießig sein können.

"Concussion" ist einerseits sehr stark darin, mit großer Leichtigkeit und feiner Ironie die Engstirnigkeit dieser fast unerträglich heilen, kleinen Vorstadtwelt aufzuzeigen. Deshalb passt auch Robin Weigert fast konstantes, leichtes Lächeln, dass sie ihrer Figur Abby verpasst, da dieses mal als leichter Spott und mal als Mitleid oder gar Mitgefühl gelesen werden kann. Zugleich ist die Art, wie "Concussion" die durchgehend ausgesprochen zahmen Sex-Dienstleistungen dieser Protagonistin stets als eine große Sache ausstellt, selbst schon wieder spießig. Folglich mengt sich unter den an und für sich guten Gesamteindruck ein leicht fader Beigeschmack, weil nie ganz klar ist, auf welcher Seite die Regisseurin und Drehbuchautorin Stacie Passon tatsächlich selbst steht. Fast wirkt es so, als ob der Konflikt innerhalb des Films einen inneren Konflikt der Filmemacherin spiegelt, der letzten Endes zu keiner wirklichen Auflösung kommt. Denn "Concussion" zeigt auch, dass allzu viel Gewagtheit in solch einer auf absolute Konformität bedachten Gesellschaft keine wahre Perspektive sein kann.

Fazit: "Concussion" ist eine Art "Belle de jour" im spießigen amerikanischen Vorstadtmilieu, wo man immerhin homosexuell sein darf, solange man wenigstens brav verheiratet ist. Alles andere wäre eine unzulässige "Erschütterung" des Weltbildes dieser Menschen - und eventuell auch der Filmmacherin selbst.




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