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Finsterworld
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© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Finsterworld (2013)


"I listen to the wind, to the wind of my soul" – mit dieser Liedzeile von Cat Stevens beginnt der Film "Finsterworld", den Regisseurin Frauke Finsterwalder nach einem Drehbuch von Christian Kracht gedreht hat. Darin versammelt sie berührende, absurde und traurige Geschichten von den Bewohnern eines Dorfes irgendwo in Deutschland, die alle irgendwie zusammenhängen. Der Fußpfleger Claude (Michael Maertens) wird von dem Polizisten Tom (Ronald Zehrfeld) angehalten, weil er am Steuer telefoniert hat. Aber er kann ihn mit Fußcremes bestechen. Diese Cremes schenkt Tom am Abend seiner Freundin Franziska (Sandra Hüller), die gerade an ihrem Dokumentarfilmdreh verzweifelt und deshalb nicht hören will, dass Tom es liebt, sich als Kuscheltier zu verkleiden. Über diese ‚Furry Community‘ haben sich Natalie (Carla Juri) und Dominik (Leonard Scheicher) auf ihrem Schulweg unterhalten, nun befinden sie sich mit ihrem Geschichts-LK auf dem Weg in ein KZ. Doch als Dominik sieht, wie Natalie auf der Raststätte den gemeinen und schnöseligen Maximilian (Jakub Gierszat) küsst, haut er ab und begegnet schließlich in dem Wald, in dem ein Einsiedler (Johannes Krisch) lebt, dem Ehepaar Inga (Corinna Harfouch) und Georg Sandberg (Bernhard Schütz), die gerade mit dem Auto zum Flughafen nach Paris fahren. Sie sind Maximilians Eltern, aber ihr Sohn verabscheut sie. Georgs Mutter (Margit Carstensen) hingegen genießt gerade im Altenheim die fürsorgliche Behandlung durch den Fußpfleger Claude.

Das ist eine mögliche Verbindung zwischen den Geschichten, die auf vielfältige Weise zusammenhängen und interpretiert werden können. Es sind kleine Episoden, die einen bitterbösen Kern enthalten, der manchmal zu einem glücklichen Ende führt, jedoch zumeist die Unschuld und Freiheit kostet. Gerade die guten Charaktere müssen in "Finsterworld" leiden – oder sich anpassen. Besonders eindringlich ist die Geschichte um die Schüler Natalie und Dominik – grandios gespielt von Carla Juri, bekannt aus "Feuchtgebiete", und Leonard Scheicher ("Quellen des Lebens"). Sie sind die unangepassten, guten Schüler, die Comics lesen und viel Zeit zusammen verbringen. Gehänselt werden sie von den angepassten Maximilian und Jonas (Max Pellny), aber solange sich Dominik Hoffnung machen kann, dass Natalie zu ihm hält und vielleicht seine Liebe erwidert, nimmt er es hin. Als er dann den Kuss zwischen Maximilian und Natalie sieht, bricht etwas in ihm zusammen und führt ihn in die Katastrophe. Doch auch Natalie ist ohne Jonas schutzlos, so dass sie erst Opfer eines hinterhältigen Anschlags von Maximilian und Jonas wird und in der Folge durch ein Missverständnis die Existenz des wohlmeinenden, aufrichtigen Lehrers (Christoph Bach) zerstört und ihre Unangepasstheit und Ehrlichkeit verliert.

Im gelungenen Gegensatz zu den kleinen Bösartigkeiten in den Geschichten stehen die poetischen Bilder, in denen sie erzählt werden. Deutschland erscheint als schönes Land in gedeckten, aber warmen Farben. Es gibt viel natürliches Licht. Zugleich durchzieht den Film etwas Märchenhaftes: Die Figuren agieren unabhängig vom Rest der Welt; die Umwelt, andere Menschen oder Autos sind niemals zu sehen, so dass die Losgelöstheit von der Realität noch weiter unterstrichen wird. Außerdem akzentuiert die Kamera Details, so dass das Abraspeln von Hornhaut fast zu einem magischen Moment wird.

Hervorzuheben sind – neben der durchweg guten Besetzung – vor allem die Dialoge, die voller scharfer Sentenzen, prägnanter Bemerkungen und scharfsinnigen Beobachtungen stecken. Dadurch entsteht in diesem Film ein Zerrbild unserer Gesellschaft, der Einsamkeit, der Oberflächlichkeit, der freiwilligen Aufgabe von Freiheiten und Unabhängigkeiten, das Aufgeben und das Verstecken hinter Ironie. Insgesamt bietet "Finsterworld" Anlass zu vielerlei Interpretationen – und das ist definitiv eine Stärke des kleinen, gemeinen Films.

Fazit: "Finsterworld" ist ein sehr origineller Film, in dem eine ruhige Bösartigkeit und großartige Sätze stecken. Gut gespielt und schön fotografiert – sehenswert!




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