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The Act of Killing
The Act of Killing
© WOLF Consultants.

Kritik: The Act of Killing (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Wenn dem Zuschauer Anwar Congo das erste Mal begegnet, scheint er ein freundlicher älterer Mann zu sein, der lächelnd aus seinem Leben erzählt. Doch seine Erzählungen sind grausam: Als General Suharto mit einem Militärputsch in Indonesien 1965 die Macht an sich riss, war Anwar Congo ein Kleinkrimineller, der auf dem Schwarzmarkt Kinokarten verkaufte – er war nach eigener Aussage ein "Gangster", der Wortbedeutung nach ein "freier Mann". Unter Suharto wurde er Führer einer Todesschwadron und hat der Armee geholfen, in weniger als einem Jahr über eine Million Menschen zu ermorden. Als Führer des berüchtigtsten Todesschwadron seiner Stadt hat Anwar selbst mehrere hundert Menschen getötet. Noch heute wird er als Gründungsvater der rechten Paramiliz Pancasila verehrt, die damals aus den Todesschwadronen entstanden ist und Jugendliche in Scharen anzieht. Regierungsminister gehören ihr an – und sie stehen ungerührt zu Korruption, Manipulation und ihrer Beteiligung an dem Genozid. Anders als beispielsweise die Nationalsozialisten in Deutschland waren die Täter in Indonesien niemals gezwungen, sich mit ihren eigenen Taten und ihrer Beteiligung an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit auseinanderzusetzen.

Auf diese Situation traf Joshua Oppenheimer, als er im Jahr 2001 das erste Mal nach Indonesien ging und mit Christine Cynn einen Film über Arbeiter auf einer Ölpalmen-Plantage drehte, die eine Gewerkschaft gründen wollten. Die Arbeiter hatten Angst, weil ihre Eltern und Großeltern in einer Gewerkschaft waren und deshalb 1965 als kommunistische Sympathisanten beschuldigt und getötet wurden. Im Anschluss an diese Dreharbeiten baten sie daher die Filmemacher, zurückzukommen und einen Film über die Ursache ihrer Ängste zu drehen. Zwei Jahre später kehrte Joshua Oppenheimer tatsächlich zurück und stieß auf die kaum vorstellbare Situation, dass die Opfer und ihre Familien aus Angst schwiegen, die Täter hingegen bereitwillig über ihre Taten sprachen und sich mit ihnen brüsteten. Oppenheimer sprach mit jedem Täter, den er finden konnte. Dann begegnete er Anwar Congo, der nicht nur bereitwillig über die damalige Zeit redete, sondern bei dem nach Aussage des Filmmachers unter der Oberfläche der Schmerz sichtbar war.

Daher konzentriert sich "The Act of Killing" auf Anwars Taten. Oppenheimer forderte ihn und andere dazu auf, die Morde mit beliebigen Mitteln nachzuspielen, daraufhin beschlossen Anwar und seine Mittäter, einen Film zu drehen. Im Stil unterschiedlicher Filmgenres., z.B. in Anlehnung an den film noir oder Western, inszenieren sie Verhöre, Folterungen und Massaker, diskutieren darüber, wie ihre Taten besser in Szene gesetzt werden und bauen komische Momente sowie Musicalnummern ein, damit die Zuschauer nicht verschreckt werden. Dabei gipfelt der Film im Film in einer Szene, in der sich die Opfer für ihre Ermordung bedanken. Doch durch dieses dezidiert filmische Mittel gelingt Oppenheimer sehr viel: der Zuschauer erfährt mehr über die Morde von damals und indem Anwar die gefilmten Szenen ebenfalls nach der jeweiligen Aufnahme sieht, setzt auch bei ihm ein Prozess des Nachdenkens ein. Fragte er sich anfangs noch, ob er sich besser seine Haare färben solle, erkennt er später die Brutalität seiner Taten. Und schließlich ist es Oppenheimer mit seinem Film sogar gelungen, in Indonesien zu einer Debatte über diesen Teil der Geschichte zu führen.

Es wäre leicht gewesen, Anwar und die anderen Täter als Monster oder Bestien darzustellen, sie zu verurteilen. Aber Anwar ist ein Mensch, der furchtbare Taten begangen hat. Dabei fordert Joshua Oppenheimer den Zuschauer, fordert ihn, indem er ihn diesen Männern nahekommen lässt, kaum sichtbar eingreift und die Täter mit der Macht der Inszenierung entlarvt. Es ist ein Dokumentarfilm, dessen Bilder man nicht so schnell vergessen wird. Und wenn sich herausstellt, dass einer der Mitspieler damals mit ansehen musste, wie sein Stiefvater aus dem Haus gezerrt wurde, wird die Grausamkeit der Gegenwart umso deutlicher: Die Kinder der Opfer wagen es bis heute nicht, über diesen Teil ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie klagen nicht an, sondern sind gezwungen, die Lügen der Täter hinzunehmen. Deshalb können sich Anwar und die anderen Täter von damals ihre eigene Version der Geschichte schreiben. Doch "The Act of Killing" zeigt den Tätern die Selbstinszenierung ihrer Vergangenheit.

"The Act of Killing" beweist die Wirkung eines Films und ebnet mit filmischen Mitteln einen Weg zur Vergangenheitsbewältigung. Dabei ist insbesondere die Montage hervorzuheben, mit der Oppenheimer den Zuschauer mit auf eine Reise nimmt: Am Anfang tänzelt Anwar auf dem Dach eines Hauses umher, auf dem er hunderte Menschen getötet hat. Erst wurden sie zu Tode geprügelt, aber das gab zu viel Blut. Also griffen Anwar und seine Mittäter auf eine Drahtschlinge zurück. Angeblich hatten sie die Idee aus einem Mafiafilm. Am Ende des Films kehren Kamera und Anwar wieder auf diese Dachterrasse zurück. Doch dieses Mal würgt Anwar bei den Erinnerungen.

Fazit: "The Act of Killing" ist ein packender, ergreifender, grausamer und aufwühlender Dokumentarfilm, den man gesehen haben muss.




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