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Le Weekend
Le Weekend
© Frenetic Films AG

Kritik: Le Weekend (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Paar, das auf die 60 zugeht, neuen Schwung in seine eingeschlafene Beziehung bringen will und deshalb ausgerechnet nach Paris, in die Stadt der Liebe fährt. Für sich genommen, klingt die Grundidee von "Le Weekend" nach romantischen Klischeebildern, billiger Rührseligkeit und konventionellem Wohlfühlkino. Was Drehbuchautor Hanif Kureishi und Regisseur Roger Michell dem Zuschauer jedoch in ihrer mittlerweile vierten Zusammenarbeit anbieten, ist schon eher das genaue Gegenteil. Feinfühlig, aber ebenso schonungslos ehrlich nähern sie sich dem Geheimnis der Liebe, verfallen dabei aber nie in einfache Erklärungen und Deutungsmuster. Heitere wie ernste Zwischentöne finden immer wieder Platz und sorgen für ein erfrischend abwechslungsreiches Filmerlebnis.

Auch wenn die Weltstadt Paris mit all ihren Sehenswürdigkeiten Schauplatz der Handlung ist, widersteht der Film der Versuchung, einfach möglichst viele Postkartenansichten aneinanderzureihen. Nur gelegentlich rückt Michell touristische Attraktionen ins Bild. Das aber stets so beiläufig, dass sie keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Blick der Kamera liegt fast ausschließlich auf den beiden Protagonisten. Wir sind zumeist ganz nah bei ihnen. Folgen Meg und Nick bei ihren Streifzügen durch die Stadt. Nehmen unmittelbar teil an Diskussionen und einfühlsamen Gesprächen. Und erleben im Grunde nichts anderes als die ganz normalen Schwierigkeiten einer langjährigen Ehe: Unausgesprochene Dinge drängen plötzlich an die Oberfläche, intime Wünsche werden geäußert, überraschende Zukunftspläne angedeutet und unliebsame Geheimnisse gelüftet. Meg sehnt sich nun, da ihr letztes Kind das Elternhaus verlassen hat, nach neuen Herausforderungen und überfällt so ihren anhänglichen Mann, der sich mit drastischen Veränderungen generell recht schwer tut.

Eine einseitige Bestandsaufnahme des Beziehungslebens liefert "Le Weekend" allerdings nicht. Vielmehr wechselt der Film überaus gekonnt zwischen unterschiedlichsten Stimmungen. Auf melancholische Momente folgen tiefere Einsichten. Auf einfühlsame Augenblicke schreiend komische Ereignisse. Äußerst amüsant ist beispielsweise schon der Einstieg ins Geschehen. Um Meg eine Freude zu bereiten, bucht Nick das Hotel, in dem sie vor 30 Jahren ihre Flitterwochen verbracht haben. Eine liebevolle Geste, die sie jedoch ganz unverhofft ausschlägt, da die Unterkunft nach einigen Renovierungsarbeiten ihren früheren Charme verloren hat. Meg weigert sich, zu bleiben, und so muss der vollkommen überforderte Nick seiner resoluten Frau hilflos hinterherstolpern. Humor und wohl dosierte Tragik gehen hier, wie in anderen Szenen auch, fließend ineinander über.

Es ist ein stetiges Auf und Ab, ein kleines Wechselbad der Gefühle, das allerdings nie von plakativen oder melodramatischen Handlungsumschwüngen bestimmt wird. Vielmehr gleitet die Geschichte unaufgeregt dahin und kann vor allem durch beiläufige Begebenheiten und kleine Zufälle überraschen. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich die unerwartete Begegnung mit Nicks früherem Kommilitonen Morgan, einem erfolgreichen Schriftsteller und Medienstar, der vieles erreicht zu haben scheint, was seinem alten Studienfreund verwehrt geblieben ist. Er freut sich, Nick nach all den Jahren wiederzusehen, lädt das Ehepaar zu einer Dinner-Party ein und gibt dem Flitterwochen-Revival damit noch einmal eine andere Richtung.

Dass "Le Weekend" als Beziehungskomödie mit dramatischen Einschlägen wunderbar funktioniert, ist auch und vor allem den großartig aufspielenden Darstellern zu verdanken. Lindsay Duncan und Jim Broadbent wirken jederzeit authentisch und bringen die widersprüchlichen Empfindungen ihrer Figuren überzeugend zum Ausdruck. Eine viel bessere Besetzung hätte Regisseur Michell für die beiden Hauptrollen sicher nicht finden können. Auch Jeff Goldblum hinterlässt als überschwänglicher und geschwätziger Intellektueller einen äußerst positiven Eindruck. Er ist mit offensichtlichem Spaß bei der Sache und verleiht dem Film eine weitere witzig-nachdenkliche Note.

Fazit: Mit präzisem Blick und viel Esprit erzählt "Le Weekend" von den Höhen und Tiefen einer langjährigen Ehe. Feinfühlig inszeniert und nahezu perfekt gespielt, dürfte die tragikomische Beziehungsgeschichte nicht nur für Zuschauer im fortgeschrittenen Alter interessant sein. Wer ehrliches Kino mit vielen kleinen Wahrheiten sucht, ist hier genau richtig.





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