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Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht
Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wer denkt, dass "Star Wars" eine Marke ist, die immun gegen jeden künstlerischen Blindflug ist, dass der Mythos und die Saga nicht zu beschädigen sind, weil Generationen von Kino-Fans teilweise im Kinderzimmer noch mit den Han Solo-Plastikpuppen gespielt haben, sie automatisch in Verzückung geraten, wenn von ihren Sternenkriegern die Rede ist, und sie es daher niemals über die Lippen bringen würden, ein neues Abenteuer weniger als "großartig" zu finden, der denkt zu kurz.

George Lucas, Mr "Star Wars" himself, bewies 1999 mit dem Neustart der Science Fiction-Reihe, dass es mehr als die neueste state of the art-Tricktechnik braucht, um einen Streifen auf die Leinwand zu bringen, der die Begeisterung für eine altbekannte Geschichte neu entfacht. Der zähe, dahinstolpernde "The Phantom Menace" ließ die Kinogänger verblüfft zurück – so kann "Star Wars" also auch aussehen? Alles ist da: Lichtschwerter, Raumschiffe, Jedi-Ritter – und trotzdem betrachtet man das Geschehen ungläubig ob der weitgehenden Belanglosigkeit.

Die Enttäuschung traf wie eine Bugwelle die weiteren zwei Fortsetzungen "The Attack of the Clones" von 2002 und "The Revenge of the Sith" von 2005, die als sicherlich nicht schlechtere Filme wesentlich weniger Zuschauer anzogen und vor allem völlig ohne den Hype von "The Phantom Menace" begleitet wurden. "Star Wars" wurde ein Film neben vielen anderen, "Spider-Man", "Harry Potter", "Narnia" oder "The Lord of the Rings". Und es hatte nur eines mittelmäßigen Filmes bedurft, um dies zu erreichen.

Wenn also jetzt J.J. Abrams, Lucasfilm und Walt Disney Studios 16 Jahre nach "The Phantom Menace" einen Neustart der Reihe versuchen, sollte Vorsicht geboten sein: Ein "Star Wars"-Film ist nicht automatisch ein Meisterwerk. Warum sich der Hype dennoch schon wieder "Phantom Menace"-ähnlichen Dimensionen genähert hat und die Zuschauer bereit sind, "The Force Awakens" viel Kredit zuzugestehen, bevor sie den fertigen Film überhaupt gesehen haben, ist leicht zu erklären. Es hat viel mit der Person Abrams zu tun.

Ob Disney George Lucas gedrängt haben, sich nicht mehr in die Produktion einzumischen, oder ob der Filmemacher aus weiser Einsicht von sich aus zurückgetreten ist, spielt keine Rolle. Bezeichnend ist gewesen, dass es wirklich keiner zu bedauern schien, als verkündet wurde, dass er den nächsten "Star Wars" nicht mehr inszenieren würde. Und umgekehrt nährte das Engagement von Abrams die Hoffnung, dass alles ganz anders und damit so viel besser werden würde.

Das Phänomen J.J. als "A New Hope" speiste sich hauptsächlich aus dem triumphalen "Star Trek"-Reboot von 2009, mit dem Abrams bewiesen hatte, ein mausetotes Konzept mit Verve, Witz und Intelligenz wieder auferstehen zu lassen. Dabei respektierte er das Vermächtnis der Saga, bediente mit vielen Anspielungen das Insider-Wissen der eingefleischten Fans, um zugleich den von "Star Trek" nicht so beleckten Zuschauer ebenfalls bestens zu unterhalten. Daneben lenkte er mit frischen Kräften vor der Kamera in einer Art "Next Generation" die Reihe in eine neue Richtung und eröffnete weitere Horizonte.

Abrams selbst trug mit seinen offen kommunizierten Entscheidungen dazu bei, diese Hoffnungen auch auf "Star Wars" zu übertragen. Sein Drehbuch baute die altbekannten und beliebten Figuren aus der Originaltrilogie von 1977 bis 1983 ein, wobei er das Glück hatte, mit Carrie Fisher, Harrison Ford, Mark Hamill, Peter Mayhew und Anthony Daniels die alten Schauspieler versammeln zu können. Der Regisseur stellte klar, dass computergenerierte Bilder nur als Ergänzung zum Einsatz kommen würden und nicht wie bei George Lucas fast den ganzen Spielfilm bestimmen sollten. Die Zeiten der Green Screen waren vorbei, stattdessen setzte Abrams auf Kulissen, Puppen, Requisiten und echte Explosionen. "Star Wars" sollte wieder fassbar, fast haptisch erlebbar werden, sozusagen zu seinen Wurzeln zurückkehren in das Vor-CGI-Zeitalter.

Wer "The Force Awakens" sieht, wird – egal wie ihm der Film gefällt – konstatieren müssen, dass dies Abrams und seinem Team hervorragend gelungen ist. Der Regisseur hat die Aspesis, welche die glattgeleckte, computerspiel-anmutende Substanzlosigkeit der Prequels um die Jahrtausendwende befallen hatte, ausgetrieben. Von den ersten Bildern an wirkt diese "Star Wars"-Welt viel staubiger, rostiger, verrottender, realistischer – und damit so nah am Original von 1977 wie wohl keiner der Vorgänger. Es ist kein Zufall, dass die Heldin eine Schrotthändlerin ist. Und dass die alte "Rostlaube", der Millenium Falcon, wieder reaktiviert wird.

Die Tricktechnik des Films ist perfekt, aber sie drängt sich nicht in den Vordergrund und schreit: Sehe ich nicht toll oder perfekt aus? Sie dient der Handlung und wird tatsächlich nur so eingesetzt, dass sie die Leistungen der Darsteller, der Kamera, des Tons, des Schnitts, der Musik, der Ausstattung und der Kostüme unterstützt, sie aber nicht überwältigt oder an den Rand drängt, wie das zuletzt bei Lucas' Epen definitiv in Sequenzen der Fall gewesen war. Alle künstlerischen und technischen Leistungen sind makellos; ein Rad greift ins andere.

Aber das wahre Genie des Films liegt darin, dass J.J. Abrams, der ja auch das Drehbuch verfasst hat, quasi einen Meta-"Star Wars" in Szene gesetzt hat. Durch den ganzen Film ziehen sich Anspielungen auf die Originaltrilogie, Szenen werden wiederholt, variiert und mit überraschenden Wendungen versehen. Es macht Spaß, diese Versatzstücke zu identifizieren. In den besten Momenten ist das, als ob man seinen Lieblingswitz zum x-ten Mal erzählt bekommt, aber mit einer neuen Pointe. Das reicht von kleinen Details wie dem Schachspiel aus dem ersten Film über die Wiederinszenierung einer sehr ikonischen Szene aus "The Empire Strikes Back" bis zu der Tatsache, dass "The Force Awakens" vom Aufbau der Geschichte eigentlich ein Quasi-Remake von "Star Wars" ist.

Wie bei "Star Trek" gelingt es Abrams sehr gut, die nostalgischen Gefühle der Gralshüter zu bedienen – angefangen bei der obligatorischen, langsam im Weltall verschwindenden Texteinblendung zu John Williams' Musik – aber gleichzeitig spannend, frisch und vor allem auch humorvoll neue Variationen der altbekannten Motive zu spielen. Die altgediente Garde wird dabei unterstützt durch neue Kräfte wie Daisy Ridley, die eine überzeugende Heldin im Stil von Prinzessin Leia gibt, John Boyega als zaudernden Sturmtruppen-Soldaten und Adam Driver als kindsköpfigen Bösewicht, dessen Wutausbrüche für köstliche Szenen sorgen.

Aber wie bei "Star Trek: Into Darkness", als Abrams mit dem unnötigen Wiederauflebenlassen des Bösewichts Khan das Anspielungsspiel zu weit und in Richtung Unoriginalität trieb, bleibt das Puzzlen mit den Versatzstücken natürlich auch ein wenig zweischneidig. Man könnte umgekehrt einwenden, dass es teilweise an eigenen Einfällen gefehlt hat.

Wenn man denn auch eine Schwäche finden will, dann wird man beim Drehbuch zuerst fündig werden. Bei manchen Handlungswindungen und -wendungen knirscht es ganz schön im Gebälk, besonders hinsichtlich einer R2D2 betreffenden Erzähllinie. Auch wäre die Geschichte, die Abrams erzählt, selbst ohne den Schatten der Vorgänger nicht die stärkste. Respekt da wiederum vor der Inszenierung, die durch das Tempo dennoch keine großen Durchhänger gestattet.

Alles in allem wiederholt sich 1999 nicht. Dieser "Star Wars" erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen, indem er sich konsequent an das hält, was Zuschauer einst überhaupt erst zu "Star Wars"-Fans gemacht hat.

Fazit:
Indem er sich ganz auf die Originaltrilogie und da besonders auf "Star Wars" beruft, gelingt J.J. Abrams wie bei "Star Trek" das Kunststück, aus Versatzstücken und Anspielungen auf diese Klassiker einen frischen, spannenden, humorvollen und technisch perfekt in Szene gesetzten Science Fiction-Film geschaffen zu haben, welcher der Saga neues Leben einhaucht. Das Drehbuch kann dabei nicht ganz mit den hohen, auf der Leinwand gezeigten Standards mithalten.




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