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Jenseits der Mauern
Jenseits der Mauern
© Salzgeber & Co

Kritik: Jenseits der Mauern (2012)


"Jenseits der Mauern" ist das Langfilmdebüt des belgischen Filmemachers und Drehbuchautoren David Lambert, der mit seinem Film auf den Spuren äußerst erfolgreicher, von der Kritik gefeierter Queer-Cinema-Filme wie "Keep the lights on" (2012) und "Weekend" (2011) wandelt, die in den vergangenen Jahren in den Kinos und auf Festivals für Furore sorgten. "Jenseits der Mauern" wurde in Cannes bei der Kritikerwoche ausgezeichnet – zu Recht. Voller Wärme und Poesie entfaltet Regisseur Lambert seine unter die Haut gehende Liebesgeschichte, die vor allem von der hervorragenden Chemie der beiden Hauptdarsteller lebt. Auch wenn die Story und ihre Protagonisten so manch ein Schwulenfilm-Klischee bedienen.

Von Beginn an lebt der Film von der knisternden Spannung und Stimmung, die sich zwischen dem älteren Ilir und dem jungen, ein wenig naiven Paulo bereits bei der ersten Begegnung aufbaut. Kellner Ilir hat schon früh ein Auge auf den attraktiven Paulo geworfen und als sich abzeichnet, dass dieser ein wenig zu tief ins Glas geschaut hat, nutzt er seine "Chance" und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Paulo lebt eigentlich mit einer Frau in einer Beziehung, sehnt sich insgeheim aber schon länger nach einem starken, (männlichen) Partner. Und diesen glaubt er in dem Ilir gefunden zu haben. Dieser staunt nicht schlecht, als Paulo nach der turbulenten ersten Nacht mit gepackten Sachen vor seiner Tür steht und es allem Anschein nach ernst meint. Regisseur Lambert beweist viel Gefühl bei der Ausarbeitung der intimen Liebesbeziehung zwischen den beiden Männern, die eigentlich grundlegend verschieden sind.

Vom Moment ihrer ersten Begegnung an ist die gegenseitige Anziehung spürbar, die beiden Darsteller Matila Malliarakis und Guillaume Gouix verleihen ihren Figuren dabei die nötige Glaubwürdigkeit und das erforderliche Feingefühl. Während Gouix den selbstsicheren harten Kerl mit weichem Kern verkörpert, spielt Malliarakis den immer ein wenig neben sich stehenden Paulo, der noch nach dem richtigen Weg im Leben sucht und sich auch hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung noch nicht sicher zu sein scheint. Die Stimmung kippt ab der Mitte des Films (und nach der gescheiterten Konzertreise, die im Knast endet) und entwickelt sich vom zarten Liebesfilm in Richtung emotionale Achterbahnfahrt, die den Zuschauer mit brutaler emotionaler Wucht mitten ins Mark trifft. Leider erfüllt der Film in der zweiten Hälfte und mit zunehmender Dauer des Gefängnisaufenthaltes auch immer wieder das ein oder andere (Schwulenfilm-) Klischee hinsichtlich Dramaturgie und Figurenzeichnung, wie z.B. das "typisch schwule" Verlangen nach schnellem Sex oder auch die Aufteilung in einen maskulinen und einen femininen Part innerhalb einer homosexuellen Beziehung. Alles in allem überwiegt aber der positive Gesamteindruck, der Lamberts Debütfilm zu einem mitreißenden, schmerzhaften Erstlingswerk macht.

Fazit: Zwei perfekt harmonierende Hauptdarsteller und die gefühlvolle Regie verwandeln die mitreißende Achterbahnfahrt "Jenseits der Mauern" in eine emotionale Tour de Force, die für den Zuschauer mitunter nur schwer zu ertragen ist.





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