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Qissa. Der Geist ist ein einsamer Wanderer
Qissa. Der Geist ist ein einsamer Wanderer
© Camino

Kritik: Qissa. Der Geist ist ein einsamer Wanderer (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Mädchen wächst in dem Glauben auf, es sei ein Junge. Als solcher ist Kanwar gegenüber seinen drei Schwestern privilegiert: Er geht auf Bärenjagd, darf einen Lastwagen steuern und erntet die ganze Bewunderung seines Vaters. Aber auf den tiefen Sturz von diesem Podest, der unweigerlich kommt, als er mit einer Frau verheiratet wird, hat Kanwar niemand vorbereitet. Das abgründige Drama "Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer" von Regisseur Anup Singh beweist erstaunlichen Mut in seiner Kritik an der patriarchalen indischen Gesellschaft. Es zeigt beispielhaft auf, wie Eltern ihren Kindern Konflikte aufbürden, die sie selbst nicht gelöst haben. Und wie eine traumatisierte oder zu stark in der Tradition verhaftete Gemeinschaft ihren eigenen Fortschritt verhindert.

Vordergründig handelt das Drama von einem Mann, der 1947 bei der Teilung des Landes wie Millionen von Menschen seine Heimat verliert. Umber Singh, so interpretiert es der Film, ist aufgrund dieses Traumas besessen vom Wunsch, das Fortbestehen seiner Familie zu sichern. Und das schafft er nur, wenn er einen Sohn bekommt. Hinter der Geschichte dieses Mannes, der sogar bereit ist, das Schicksal zu betrügen, tut sich aber das noch größere Drama seines um das Glück betrogenen Kindes auf. Kanwar weiß insgeheim, dass sie kein Junge ist, aber sie verdrängt diese Wahrheit, weil sie sonst die Liebe des Vaters, ja ihren gesamten Selbstwert verlieren würde. Als sie später in Neeli eine Verbündete findet, die ihr helfen will, ein neues Leben als Frau zu beginnen, steht Kanwar vor einer Zerreißprobe. Der Film schildert sie, indem er den Geist ihres toten Vaters auftauchen lässt. Aber auch die Gesellschaft selbst, vertreten durch Kanwars Onkel, stellt sich den beiden Freundinnen in den Weg.

Die junge Schauspielerin Tillotama Shome beeindruckt mit dem tiefen Ernst, mit welchem sie das Dilemma ihrer unschuldigen Filmfigur auslotet. Obwohl die Rahmenhandlung mit Umber Singh als Ich-Erzähler den tragischen Verlauf bereits am Anfang ankündigt, gibt es immer wieder fröhliche Passagen, die wie aus dem Leben gegriffen wirken. Aber die Atmosphäre verdüstert sich zunehmend ins Unheimliche: Der Tod, ein Hausbrand, Ruinen, und immer wieder blinde Spiegel, in denen man nichts erkennt, konfrontieren Kanwar und ihren Vater mit der inneren Verwüstung. Spannend wirkt vor allem auch der physische Charakter des väterlichen Geistes: Nach westlicher Lesart dürfte er lediglich eine Einbildung Kanwars sein, aber der Film weist ihm eine aktive Rolle zu. Der Regisseur hat den Film seiner Mutter gewidmet. Er ist ein so aufwühlender wie aufrichtiger Appell an seine Landsleute, Frauen nicht länger zu missachten.

Fazit: Das bewegende indische Drama über ein Mädchen, das ihrem Vater den gewünschten Sohn buchstäblich ersetzen muss, appelliert eindringlich an die Elterngeneration, ihre Kinder vor den bösen Geistern der Vergangenheit zu schützen.




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