VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Mutter und Sohn (2013)


Am Anfang von "Child’s Pose", dem rumänischen Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale, beklagt sich die rauchende Cornelia (Luminita Gheorghiu) bei ihrer Schwester, dass sie ihr Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) aus seinem Leben ausschließe. Sie rät ihr, ein wenig Abstand zu halten, aber das kann Cornelia nicht: Sie behält gerne die Kontrolle und weiß über alles Bescheid. Dennoch kommt ihr Sohn nicht zu ihrer Geburtstagsfeier, auf der mit vortrefflichen Bildern die gesellschaftliche Stellung Cornelias deutlich wird. Sie arbeitet selbst als Innenarchitektin, kennt Ärzte und Opernsängerinnen und verfügt über gute Kontakte. Doch dieses Leben wird ihr von ihrem Sohn auch vorgeworfen: Ihre Generation solle verschwinden, habe er einst zu ihr gesagt. Dadurch ruft Regisseur Calin Peter Netzer die rumänische Geschichte und den Umgang mit dem Regime Ceaușescu in Erinnerung, aber diese historische Komponente bleibt in dem komplexen Drama stets im Hintergrund. Stattdessen konzentriert sich der Film nach der hervorragend inszenierten ersten halben Stunde auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn.

In einer Nacht und einem Tag durchläuft ihr Verhältnis verschiedene Stadien, die zugleich ein Schlaglicht auf die Vergangenheit und Zukunft werfen. Nachdem Barbu mit dem Auto einen Jungen überfährt, drohen ihm 15 Jahre Gefängnis. Seine Mutter und seine Tante eilen sofort zur Polizei, nutzen alte Seilschaften, um ihm diesen Prozess und eine Strafe zu ersparen. Barbu greift gerne auf die zuvor von ihm abgelehnten Kontakte zurück und verhält sich weitgehend passiv. Lediglich als die Krankenschwester ihm Blut abnehmen will, verlangt er nach einer Nadel, von deren Sterilität er sich überzeugt hat.

In der Folge zeigen sich Polizei und Zeuge erstaunlich kooperativ, und Cornelia setzt sich unermüdlich für ihren Sohn ein. Endlich braucht er sie – und sei es nur, um ihm das richtige Nasenspray zu besorgen. In diesen Szenen erweist sich Barbu als hilfloser Sohn einer dominanten Mutter, später kommt noch eine ebenfalls resolute Freundin hinzu. Er ist besessen von Reinlichkeit und leidet unter einer Bakterienphobie, bleibt aber bis kurz vor Ende des Films auffallend passiv. Daher dauert es lange, bis es zu den längst überfälligen Gesprächen kommt.

Weder Barbu noch Cornelia sind sympathische Charaktere, doch sie erweisen sich als sehr tiefgehend und komplex. Hier spürt ihnen Calin Peter Netzer mit seiner den Dialogen folgenden Handkamera nach, so dass sich die Wahrnehmung der Figuren ständig verändert und ihr Psychogramm stetig erweitert wird.

Fast beiläufig thematisiert er auf diese Weise das Verhältnis von Freiheit und Gefangenschaft in einer Familie und auch der rumänischen Gesellschaft. Sicherlich hätte er dem gesellschaftlichen Aspekt noch genauer nachspüren können, auch überzeugt die äußere Handlung nicht vollends. Dennoch ist „Child’s Pose“ ein intensives Drama, das als Mit-Favorit auf den Goldenen Bären zu sehen ist.

Fazit: „Child’s Pose“ ist ein starkes Drama mit komplexen Figuren und guten Schauspielern.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.