VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Lügen und andere Wahrheiten
Lügen und andere Wahrheiten
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Lügen und andere Wahrheiten (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die verschiedenen Menschen in Vanessa Jopps Film stehen alle miteinander in Beziehung und sind doch einsam. Sie verheimlichen unliebsame Wahrheiten vor sich selbst und vor denjenigen, die ihnen am nächsten stehen. Oder sie lügen, weil sie sich in einer Notlage befinden. Das Glück, nach dem sie sich sehnen, haben sie alle noch nicht gefunden. Vielmehr scheint der Weg dorthin sie erst einmal in die andere Richtung zu führen. Die realitätsnahen Geschichten, die lose verbunden sind und im spannenden Wechsel erzählt werden, behalten trotz ihres ernsten Inhalts einen leichten und sogar witzigen Ton.

Mehr Achtsamkeit! Das ist praktisch die Botschaft des Films und der Wunsch seiner Helden. Sie sind auf verschiedene Weise sowohl Täter, als auch Opfer eines unaufrichtigen oder unaufmerksamen Umgangs miteinander. Achtsamkeit ist auch das Thema der Yoga-Stunden von Andi, dem seine Kursteilnehmerinnen wegen seiner inneren Ruhe – und seiner körperlichen Attraktivität – in Bewunderung ergeben sind. Eine der vielen Überraschungen, mit denen der Film aufwartet, ist, dass Andi mit Yoga und Meditation selbst eisern versucht, seine impulsive Gewalttätigkeit in den Griff zu kriegen. Wie er verheddern sich die meisten Charaktere aber in ihrem eigenen Kokon aus Wunschdenken und fehlender Einsicht. Die Hauptgeschichte um Coco und Carlos ist zugleich auch die lustigste, denn die ständig miesepetrig dreinblickende Zahnärztin erkennt nicht, wie sie sich ihre Unzufriedenheit selbst zurechtzimmert. Wie sollte sie auch – sie erlebt sich ja als die einzige Pflichtbewusste, Korrekte in einem von Egoisten bevölkerten Umfeld. Meret Becker stellt diese Coco herrlich verstockt und unterkühlt dar. Auch Alina Levshin beeindruckt in ihrer Rolle als Russin, die von allen Seiten ausgenutzt wird.

Die oft komische Zuspitzung der Gegensätze und die Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen machen den Film spannend. Dennoch fragt man sich mit zunehmender Dauer, was die einzelnen Geschichten eigentlich zusammenhält, auf welchen Fluchtpunkt sie zulaufen. Denn das Innenleben der Charaktere folgt einem so ehrgeizigen Regieplan, dass es sich emotional nicht tief genug darstellen und miterleben lässt. Nicht nur die melancholisch-zärtliche Musik, auch der episodische Aufbau und der Inhalt der Geschichten lassen an "Magnolia" von Paul Thomas Anderson als womöglich großes Vorbild für diesen Film denken. Einem Werk von solcher emotionaler Wucht nachzueifern, ist aber generell keine gute Idee. Trotz seiner Grenzen gerade im Bereich des Dramatischen präsentiert sich Jopps Film dennoch als interessanter und auch gemütvoller Reigen von Geschichten über das Zwischenmenschliche und den Selbstbetrug.

Fazit: Vanessa Jopps gemütvolles und von Komik durchzogenes Drama sinniert in lose verbundenen Beziehungsgeschichten über die Einsamkeit des Menschen und seine Tendenz, sich selbst zu belügen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.