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Zwei Leben
Zwei Leben
© farbfilm verleih © 24 Bilder

Kritik: Zwei Leben (2012)


Es ist die Schuld zweier deutscher Diktaturen, die Regisseur Georg Maas in seinem exzellent besetzten Thriller-Drama zusammenführt und damit zwei historische Vergehen an der Menschlichkeit offenlegt, an dem Deutsche direkt beteiligt waren. Am Beispiel von Katrine rückt Regisseur Maas das Schicksal von denjenigen Kindern ins Zentrum seines Films, die zwischen 1940 und 1945 im von Nazi-Deutschland besetzten Norwegen als Kinder von deutschen Soldaten und norwegischen Frauen geboren wurden. Da sie im Sinne der NS-Rassenideologie als "arisch" galten, wurden etliche gewaltsam ihren Müttern entrissen, nach Deutschland verschleppt und größtenteils in Kinderheimen des "Lebensborn"-Vereins der SS untergebracht. Doch damit nicht genug: Später wurden viele dieser Kinder in der DDR zu Spitzeln ausgebildet, um für die Stasi im Westen zu spionieren. "Zwei Leben" erzählt intensiv und nachdrücklich von diesen beiden dunklen, oft verdrängten Kapiteln der deutschen Geschichte. Der außergewöhnliche Cast und die poetischen Panorama-Bilder der norwegischen Landschaften runden den Film ab.

"Zwei Leben" verlangt dem Zuschauer viel Geduld und höchste Konzentration ab, belohnt ihn dann letztlich aber mit einem stilsicher inszenierten historischen Thriller, der gekonnt und höchst spannend zwei unterschiedliche Kapitel deutscher Geschichte (und Verbrechen) zusammen führt. Schwerpunkt des Films liegt in den ersten Minuten deutlich auf dem Schicksal der Lebensborn-Kinder. Zu diesen Kindern gehörte auch Katrine, die nun einem glücklichen Familienleben mit Mann und Kind frönt, die schlimmen Ereignisse von damals längst verdrängt. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Neuordnung Europas ab 1989/1990, reißen für Katrine im Zuge der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, alte, längst verheilte Wunden wieder auf. Einer der Auslöser für die schmerzhaften Erinnerungen: der junge Anwalt Sven Solbach, der die Verschleppung der Kinder durch deutsche Soldaten vor ein europäisches Menschenrechts-Gericht bringen will und dafür die Aussagen von Katrine und ihrer Mutter benötigt.

Ein wenig Verwirrung stellt sich zunächst ein, als klar wird, dass Katrine in der DDR später auch noch zu einer Stasi-Spionin ausgebildet wurde und jahrelang einer Tätigkeit als Agentin im Westen nachging. Der Blick zurück auf den Kalten Krieg und die Spionageaktivitäten – in kurzen Rückblenden immer wieder eingefangen – irritieren anfänglich zwar ein wenig, dennoch folgt man gespannt der Handlung, die mit immer neuen Wendungen überrascht. Je weiter der Film voranschreitet und je tiefer man in die Vergangenheit von Katrine vordringt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer, die Figuren sind schuldig und unschuldig zugleich. Und so auch Katrine – brillant dargestellt von der ausdrucksstarken Juliane Kölhler, die ihrem komplexen, vielschichtigen Charakter Leben einhaucht. In nichts nach steht ihr die Ingmar Bergmann-Legende Liv Ullman, hier in der Rolle von Katrines Mutter zu sehen. Und zuletzt gebührt auch Kamerafrau Judith Kaufmann Lob und Respekt, die für die opulenten norwegischen Landschaften, genau die richtigen hypnotisch anmutenden, ausdrucksstarken Bilder findet.

Fazit: Großartig besetzter, in hypnotische Bilderwelten gekleideter historischer Thriller, der spannend und mit Nachdruck zwei tragische, zu weiten Teilen verdrängte Kapitel der deutschen Geschichte zusammenbringt und ins Gedächtnis ruft.




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