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Kritik: Orania (2012)


Wer bei dem Titel "Orania" an Oranje und damit an die niederländische Fußballmannschaft oder das Königshaus denkt, liegt nicht ganz falsch: Der Film handelt von einer Siedlung in Südafrika. In dieser Siedlung leben Menschen, die sich als Buren oder Afrikaaner verstehen, also die Nachkommen der weißen Siedler im heutigen Südafrika. Entstanden ist die Siedlung Anfang der neunziger Jahre mit dem Ende der Apartheid. Vierzig burische Familien kauften das Land und begannen ihr Projekt Orania. Diese Siedlung ist exklusiv für weiße Südafrikaner, die Afrikaans sprechen und sich zur burischen Kultur und den Idealen von Orania bekennen, die sehr puritanisch geprägt sind. Gottesglaube, Fleiß und eine autarke Lebensweise, die auf Unabhängigkeit von der neuen "Rainbow Nation" Südafrikas und vor allem der schwarzen Bevölkerung abzielt.
Der deutsche Regisseur Tobias Lindner begleitete drei Monate lang verschiedene Bewohner Oranias in ihrem Alltag. So etwa den Gründungsvater Carel, der um die Zukunft seines Volkes besorgt ist und der auch schon mal die Bibel zitiert und damit die Verschiedenheit der Völker und Nationen als gottgewollt interpretiert. Oder Johan, einen neu hinzugezogener Familienvater, der einen Transportdienst eröffnen möchte, der Orania mit den Nachbardörfern verbindet. Sein introvertierter Sohn Christo freundet sich mit dem unangepassten Großstadtganoven Baksteen an, der in Orania versucht, seiner kriminellen Vergangenheit zu entfliehen. Willy, der raubeinige Bademeister, pflegt derweil seine ganz eigenen Theorien über Kultur und Völkerverständigung.

Es ist dieser Mix an verschiedenen Charakteren, der diese Dokumentation so interessant werden lässt. Während die einen aus Idealismus hier leben, dem augenscheinlich eine rassistische Paranoia zugrunde liegt, sind andere an diesem Ort, um sich eine Existenz aufzubauen oder einem sozial prekären Milieu zu entfliehen. Das eine oder andere Schmunzeln stellt sich ein, wenn im örtlichen Radio gemahnt wird, nicht zu schnell zu fahren oder ein Vorgartenwettbewerb ausgerufen wird, an dem jeder zwangsweise teilnimmt. Dieses Lachen bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn dann ein Oranier über völkischen Ideale und Rassenunterschiede schwadroniert. Lindner versteht es dabei, die Protagonisten für sich sprechen zu lassen und vermeidet es zu werten. Die Offenheit und beinah intime Nähe entstand wohl auch deshalb, weil er allein drehte und kein Team mit sich hatte. Und so entstand ein Film, der einen Einblick in einen Mikrokosmos erlaubt und es dem Zuschauer überlässt, sich selbst ein Bild zu machen.

Fazit: Eine gelungene Dokumentation über eine "weiße Siedlung" in Südafrika. Der Regisseur Tobias Lindner gibt einen wertfreien Einblick in das Leben der Bewohner dieses Dorfes. Ein Film, der zum anschließenden Diskutieren anregt.




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