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Hasret - Sehnsucht
Hasret - Sehnsucht
© Piffl Medien

Kritik: Hasret - Sehnsucht (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der britische Filmemacher Ben Hopkins hat seinen humorvollen, selbstreflexiven Ansatz unter anderem bereits im Dokumentarfilm "37 Uses for a Dead Sheep" vorgestellt. Dass es sich auch bei seiner melancholischen Erkundung Istanbuls um ein Schelmenstück handeln könnte, bleibt aus Sicht des Zuschauers lange nur eine irritierender Indizienprozess. Angeblich soll die Produktionsfirma so wenig Geld haben, dass die deutsche Filmcrew in einem Containerschiff wie blinde Passagiere nach Istanbul reisen muss. Kurze Zeit später bekennt der Regisseur aus dem Off, dass er diesen Auftrag niemals angenommen hätte, wäre er nicht erst kürzlich von einer psychischen Erkrankung genesen. Das Filmprojekt folgt im Laufe der Zeit immer weniger den Vorgaben der ominösen Auftraggeber, sondern gerät zum mäandernden Selbstfindungstrip des Regisseurs in einer Stadt, die so rettungslos melancholisch ist wie eine unglückliche Liebe.

Zunächst ist Hopkins irritiert: Das Istanbul der Postkarten erweist sich als ein Klischee, hinter dem eine ausufernde Politik der Stadterneuerung ihr Unwesen treibt. Alte zentrumsnahe Viertel mit engen Gassen und Bewohnern, die wenig Geld haben, werden abgerissen. Die Menschen kommen in sterile Neubauten ganz weit draußen auf der grünen Wiese. Und in der Stadt entstehen derweil moderne Bauten, riesige Einkaufszentren, die mit der lokalen Kultur nichts zu tun haben. Das führte bereits 2013 zu den Protesten im Gezi-Park und die Empörung vieler Menschen schwelt weiter. Hopkins spricht mit einigen Demonstranten und Aktivisten. Er trifft Migranten aus Afghanistan, die sich mit Kurden um die Tagelöhner-Jobs am Bau streiten. Auf seiner Suche nach den Nischen der Stadt, in die sich kein Tourist verirrt, will ihm seine Filmcrew irgendwann nicht mehr folgen. Denn Hopkins' Interesse verlagert sich immer mehr auf das Morbide, das Traurige, die Geisterwelt, wird zum Spleen, der rational nicht mehr erklärbar ist.

So wie sich Hopkins von seiner Stimmung treiben lässt, mal Tangotänzern zuschaut oder den vielen Katzen, die magische Wesen sein sollen, so schwanken auch die Aufnahmen zwischen Farbe und Schwarz-Weiß. Manche Begegnungen sind offenbar inszeniert, die Konflikte im Filmteam wohl gespielt – aber Genaues weiß man nicht. Diese mit viel Off-Kommentar unterlegte Stadterkundung ist kategorisch subjektiv und somit auch einengend. Aber sie geht auch in die Tiefe eines melancholischen Lebensgefühls, das sich in der Musik wiederfindet und in der von der Vergangenheit getränkten Atmosphäre.

Fazit: Die Streifzüge des britischen Filmemachers Ben Hopkins durch Istanbul führen in touristisch unerschlossene Gebiete, zu sozialen Minderheiten und Menschen am Rande der Gesellschaft. Mit einem reichen Off-Kommentar unterlegt, gerät die Mischung aus Dokumentarischem und Inszenierung immer mehr zum subjektiven Erfahrungstrip in die Gefilde der Melancholie. Der schelmisch skurrile Humor verleiht dieser Tour der Nebenwege eine rätselhafte Spannung.





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