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Michael Kohlhaas
Michael Kohlhaas
© 2013 polyband Medien GmbH

Kritik: Michael Kohlhaas (2013)


Mit Michael Kohlhaas hat Heinrich von Kleist in seiner Novelle eine aus heutiger Sicht erstaunlich aktuelle Figur geschaffen: Nachdem er sein Begehren auf legalem Wege nicht äußern konnte, verübt Kohlhaas Brandanschläge und mordet, bis er endlich Gehör bei der Obrigkeit findet. Je nach Lesart macht das aus ihm einen Terroristen – oder einen Kämpfer für Gerechtigkeit. Schon in der Novelle bleibt viel Raum für die Interpretation von Michael Kohlhaas, eine filmische Adaption in der Gegenwart könnte aus diesem literarischen Stoff eine Allegorie über Terrorismus oder Protest gegen Regierungen machen. Stattdessen aber konzentriert sich Arnaud des Pallières in seinem Film weitgehend auf die Geschichte an sich.

Der Film setzt unmittelbar nach dem ersten Treffen zwischen Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen) und dem Baron (Swann Arlaud) sowie seinem Verwalter (Christian Chaussex) ein. Untermalt von stumpfen Trommelschlägen kommt es zur folgenschweren Vereinbarung: Damit Michael Kohlhaas die Grenze des Grundstücks passieren darf, muss er zwei Rappen als Pfand hinterlassen, die dem Baron zuvor zum Kaufen zu teuer waren. Diesem Prolog folgt dann die bekannte Geschichte: Die Pferde werden zur Arbeit benutzt und verwahrlosen, Michael Kohlhaas will sie auf diese Weise nicht zurücknehmen und verlangt Schadensersatz. Als er diesen nicht bekommt, reicht er erfolglos Klage ein, woraufhin seine Frau Judith (Delphine Chuillot) ein Eingreifen der Prinzessin (Roxane Duran) erreichen möchte. Bei dem Versuch wird sie tödlich verletzt und stirbt in Kohlhaas‘ Armen, so dass er Haus und Hof verkauft und mit seinen Knechten brandschatzend durch die Gegend zieht.

Für diese Erzählung braucht des Pallières zu lang, zumal er die große Zuneigung zwischen Michael Kohlhaas und seiner Frau weniger durch ihre Unterstützung des Anliegens als vielmehr ihre halboffenen Kleider ausdrückt. Aus der Kinderschar der Novelle ist die Tochter Lisbeth (Mélusine Mayance) geworden, die ihre Eltern beim Sex erwischt – und ein Fohlen geschenkt bekommt. Aber das sind zu einfache Bilder für eine familiäre Idylle, auch widersprechen Kohlhaas‘ Sturheit und die Leichtigkeit, mit der er sein bisheriges Leben riskiert, dieser angedeuteten Fürsorglichkeit. Zwar passt Mads Mikkelsen auf den ersten Blick gut in die Rolle, doch letztlich gelingt es ihm nicht, vollends in diese Figur zu schlüpfen. Dafür bietet ihm das Drehbuch zu wenig Interaktion und erlaubt zu wenig Einblicke in seine Motivation.

Weitaus besser ist die zweite Hälfte des Films, in der des Pallières die Kleist’schen Intrigen am Hof reduziert und auf die Figur der Prinzessin konzentriert. Hier gewinnt der Film an Spannung, zugleich wird deutlich, dass das Friedensangebot des Staates von vorneherein eine Finte war. In dieser Vereinfachung gelingt es des Pallières, die Korruption und Klüngel des Staates deutlich zu machen, ohne auf die einzelnen Händel einzugehen. Darüber hinaus hat er das Setting der Novelle nach Frankreich in die Cevennen des 16. Jahrhunderts verlagert. Hier könnten die Hugenottenkriege eine Rolle spielen, aber der Film greift diesen Bezug nicht auf, sondern zeigt eine friedliche Koexistenz zwischen Protestanten und Katholiken. Damit versäumt er abermals eine Deutung vorzunehmen, die über die naturalistische Inszenierung des Stoffes hinausgeht.

Sicherlich sind die Außennahmen mit der schroffen Natur der Cevennen und dem vielen natürlichen Licht gut anzusehen. Passend dazu sind die Schlachtenszenen der Novelle einem konzentriertem Töten gewichen, die stärker die Notwendigkeit betonen, die Kohlhaas in seinem Verhalten sieht. Doch gerade hier fehlt eine Konfrontation, eine These, die der Film abarbeitet. Er schwankt zu sehr zwischen Adaption und Interpretation, so dass selbst der Auftritt von Denis Lavant als reformatorischer Priester, in der erstmals die Prämissen und Folgen von Kohlhaas‘ Handeln erörtert werden, fremd bleibt.

Fazit: Mit seiner Adaption von „Michael Kohlhaas“ verpasst Arnaud des Pallières die Gelegenheit, die Aktualität eines Klassikers herauszustellen und den Zuschauer mit einer schwierigen Figur zu konfrontieren. Schade.




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