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Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis
Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis
© Concorde

Kritik: Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie faszinierend es sein kann, einem gestörten Protagonisten auf der Leinwand zu folgen, stellte 2011 der spanische Regisseur Jaume Balagueró unter Beweis. Obwohl die Hauptfigur seines bitterbösen Psychothrillers "Sleep Tight" unfassbare Schandtaten begeht, findet man sich als Zuschauer immer wieder in einem Zustand des Mitfieberns wieder. Konsequent und geschickt zwingt uns der Film in die Perspektive des Bösewichts und macht uns schrittweise zu Verbündeten seiner niederträchtigen Ränkespiele. Eine ähnliche Leistung vollbringt der bislang fast ausschließlich als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Dan Gilroy in seinem Regiedebüt "Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis", weitet das Psychogramm eines geheimnisvollen Außenseiters gleichzeitig aber zu einer Reflexion über die Sensationsgier der Medien und ihrer Konsumenten aus.

Nach seinen fulminanten Auftritten in den eigenwilligen Thriller-Werken "Enemy" und "Prisoners" – beide unter der Regie des Frankokanadiers Denis Villeneuve entstanden – ist US-Schauspieler Jake Gyllenhaal erneut in einer äußerst herausfordernden Rolle zu sehen. Einer Rolle, die ihn abermals in Oscar-Sphären (2006 war er bereits als bester Nebendarsteller für "Brokeback Mountain" nominiert) katapultieren könnte. Derart eindringlich und kompromisslos verkörpert er den in der Anonymität von Los Angeles lebenden Kleinkriminellen Lou Bloom, der verzweifelt nach einem Job Ausschau hält und schließlich in den Bann einer zwielichtigen Branche gerät: dem Milieu der freischaffenden Kameramänner, Nightcrawler genannt, die in den nächtlichen Straßen der kalifornischen Metropole nach Unfällen und Verbrechen Ausschau halten und um die spektakulärsten Bilder des Grauens konkurrieren.

Wie eine Gestalt der Nacht tritt uns dieser Lou Bloom schon gleich zu Anfang entgegen. Mit seinen eingefallenen Wangen, seinen hängenden Schultern und seiner blassen Haut ähnelt er einem Vampir in Menschengestalt. Dass ihm im Grunde jedes Mittel recht ist, um seinen eigenen Vorteil durchzusetzen, ist sofort ersichtlich. Er nimmt sich, was er braucht, und träumt von einem steilen Aufstieg, den er mit Fleiß und Wissbegier meistern will. Eigenschaften, die er über Jahre kultiviert hat und gewinnbringend einsetzen kann, als er in der unter Quotendruck stehenden Nachrichtenchefin Nina (Gilroys Ehefrau Rene Russo) eine große Fürsprecherin findet.

Während der Film Lous schleichenden, aber unaufhaltsamen Aufstieg zum Star der Bilderlieferanten schildert – eine verquere Version des Amerikanischen Traums – und dabei die Sensationslust der Fernsehakteure und -zuschauer ausstellt, lässt Gilroy uns immer wieder Momente durchleben, in denen wir ernsthaft Mitleid für den Soziopathen aufbringen können. Wie jeder Mensch – der eine mehr, der andere weniger – will Lou bewundert werden und sehnt sich insgeheim nach intimen Bindungen, kann seine Bedürfnisse aber nicht annähernd adäquat artikulieren. Höchst unangenehm ist etwa die Szene, in der er Nina in ein Lokal einlädt und ein Schäferstündchen mit ihr erpressen will, als er bemerkt, dass seine ungelenken Annäherungsversuche nicht fruchten. Selten hat man in letzter Zeit ein derart beklemmendes, zugleich aber auch absurd-komisches Date auf der Leinwand gesehen.

Wenngleich Gilroys sarkastischer wie realistischer Blick auf das außer Kontrolle geratene Mediengeschehen häufig nicht über bekannte Einsichten hinauskommt und sich von Beginn an abzeichnet, dass Lous Handlungen schreckliche Ausmaße annehmen werden, ist die Konsequenz, mit der der Regiedebütant seine alptraumhafte Erfolgsgeschichte entfaltet, durchaus bemerkenswert. Bis zum perfiden Schlusspunkt, der so manchem Zuschauer die Sprache verschlagen dürfte, umschifft der Film jeglichen Kompromiss und steuert unaufhaltsam auf den moralischen Abgrund zu. Obwohl man sich eigentlich angewidert abwenden müsste, bleibt die Figur des jungen Kameramanns seltsam faszinierend, da stets die Frage im Raum steht, wie weit er gehen wird, um seine Ziele zu erreichen. Nicht zu unterschätzen sind darüber hinaus der ambivalente Reiz der nächtlichen Bilder von Los Angeles (Kamera: Robert Elswit) und die finster wabernden Klänge, die James Newton Howard auf die Tonspur zaubert.

Fazit: In seinem unbequemen Regiedebüt wirft Drehbuchautor Dan Gilroy einen schonungslosen Blick auf unsere heutige Mediengesellschaft und zeichnet parallel das Porträt eines skrupellosen Soziopathen, der von Jake Gyllenhaal schlichtweg grandios verkörpert wird.




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