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Der Fall Wilhelm Reich - Poster
Der Fall Wilhelm Reich - Poster
© Movienet © 24 Bilder

Kritik: Der Fall Wilhelm Reich (2012)


Genie und Wahnsinn liegen bekannter Weise oft nahe beieinander. In diese Konstellation lässt sich vielleicht auch der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich verorten. In den 1920er Jahren ein Schüler Siegmund Freuds, provozierte er durch seine Thesen von der Libidotherorie und seiner Forderung, Sexualität solle frei ausgelebt werden. Freud schrieb über ihn 1928: "Wir haben hier einen Dr. Reich, einen braven aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt." Reich wendete sich dem Marxismus zu und versuchte auch den aufkommenden Faschismus in seinem Buch Massenpsychologie des Faschismus mit dem falschen Umgang mit der Sexualität zu erklären. So schrieb er da unter anderem: "Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit macht ängstlich, scheu, Autoritätsfürchtig, gehorsam". Später im amerikanischen Exil widmete er sich der Erforschung des Orgon, eine Wortkreation aus Orgasmus und Organismus, welches die omnipräsente Lebensenergie sein soll.

Der österreichische Regisseur Antonin Svoboda beleuchtet in seinem Film vorrangig die letzten zehn Lebensjahre Wilhelm Reichs (Klaus Maria Brandauer) und versetzt diese mit einigen Rückblenden. Es ist die Zeit, in der Reich zunehmend Probleme mit amerikanischen Behörden bekommt. Wie dem FBI, das in den Jahren der McCarthy-Ära eine paranoide Hatz auf alles macht, was irgendwie als kommunistisch und damit unamerikanisch gilt. Aber auch die Gesundheitsbehörde, die im damals noch puritanischerem Amerika Anstoß an Reichs sexuellen Theorien nimmt. Nachdem Reichs Schriften von den Nazis verbrannt worden waren, musste er sie nun auf Geheiß der Behörden selber dem Feuer übergeben.

Allerdings stellt Svoboda die Geschichte Reichs äußerst einseitig dar. Er zeichnet Reich als Genie, das seiner Zeit voraus war. Seine Orgon-Akkumulatoren (innen mit Metall beschlagene Holzkisten) heilen Krebs und machen fruchtbar, die Orgon-Energie wird als blaues Licht sichtbar, seine Regenmaschine funktioniert. Svoboda stellt das alles als wahr dar, obwohl Reich seine Theorien in der Realität nie beweisen konnte. Auch die Behauptung, nach Reichs Tod im Gefängnis sei keine Autopsie durchgeführt worden, ist schlichtweg falsch. Der Regisseur gibt auch zu: "Natürlich ist das ein Propagandafilm. Ich wollte den Traum Wilhelm Reichs aus damaliger Sicht darstellen, den metaphysischen Forscher, der eine Sehnsucht der Menschen stillt." Also sollte man den Realitätsgehalt des Films mit Vorsicht genießen. Was man allerdings glauben darf, sind die teils kruden Methoden der amerikanischen Staatsorgane, im Umgang mit politisch missliebigen Menschen. Hier zeigt der Film deutlich, dass auch eine Demokratie nicht vor autoritären und unmenschlichen Zügen gefeit ist.

Filmisch hervorzuheben ist auf jeden Fall Klaus Maria Brandauer, der Wilhelm Reich exzellent spielt. Mit einer österreichischen Gelassenheit und nicht ohne eine gute Portion schelmischen Humors brilliert Brandauer in dieser Rolle, dass es eine Freude ist, ihm zuzuschauen. Julia Jentsch ("Sophie Scholl", "Die fetten Jahre sind vorbei") als Reichs Tochter Eva enttäuscht allerdings ein wenig. Sie wirkt etwas steif und gekünstelt. Alles in allem ist mit "Der Fall Wilhelm Reich" jedoch ein guter, interessanter und sehenswerter Film gelungen.

Fazit: Die Verfilmung der letzten Lebensjahre des umstrittenen Psychoanalytikers und Sex-Gurus Wilhelm Reich lässt diesen in sehr gutem Licht dastehen und ist somit wenig authentisch. Mit einem brillanten Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle jedoch ist dieser Film allemal sehenswert.





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