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Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel
Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel
© missingFilms

Kritik: Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie bei allen Filmen, die deutlich auf einen literarischen Klassiker Bezug nehmen, stellt sich auch im Fall von "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel" die Frage, welche neuen Akzente durch das Aufgreifen gesetzt werden können. Spielfilmdebütant Aron Lehmann wählt einen erstaunlich eigenständigen Zugang zu Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas", die von einem Pferdehändler erzählt, der mit Selbstjustiz auf das ihm widerfahrene Unrecht antwortet. Der Geist der literarischen Vorlage spiegelt sich nicht nur in der sehr präsenten Film-im-Film-Handlung. Er greift ebenso auf die zweite Ebene über, die als ein den Dreh begleitendendes Making Off inszeniert ist und schonungslos zeigt, wie leidenschaftlich der fiktive Regisseur Lehmann um sein Werk kämpft. Den literarischen Kohlhaas und den jungen Filmemacher verbinden der Glaube an Eigenständigkeit und kompromissloses Handeln wider das vermeintlich unüberwindbare Schicksal. Während der Pferdehändler sein eigenes Leben riskiert, um Gerechtigkeit zu erfahren, lässt Lehmann sich selbst dann nicht entmutigen, als sein filmisches Projekt mit einem Schlag zu scheitern droht. Er ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um seine künstlerischen Vorstellungen umzusetzen. Improvisation und Fantasie werden zu Leitprinzipien, die er vor seinem Team immer wieder neu verteidigen muss.

In der Verschränkung von literarischer und filmischer Fiktion weitet sich "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel" zu einem Diskurs über die Höhen und Tiefen des Filmemachens selbst aus. Schon die Ausgangssituation dürfte vielen – vor allem jungen, nicht etablierten – Regisseuren schmerzlich bekannt sein, die auf der Suche nach finanzieller Unterstützung immer wieder Rückschläge erleiden und doch nicht aufgeben dürfen, wollen sie ihre Vision eines Tages auf der großen Leinwand sehen. Wunderbar eindringlich fängt der Film den Moment ein, in dem die Freude über den ersten, erfolgreich absolvierten Drehtag mit dem Anruf des scheidenden Produzenten jäh in Enttäuschung und Fassungslosigkeit umschlägt. Was viele Zuschauer oft vergessen, da sie stets auf ein fertiges Endprodukt schauen, wird hier mehr als deutlich: Film ist immer Kampf – um Ideen, Haltungen und nicht zuletzt Geld. Gleichzeitig kann dieser Kampf aber auch zu neuer Kreativität führen. So gelingt es Lehmann, zumindest zu Beginn, die weggebrochene Finanzierung in positive Energie umzuwandeln und seinem Team, mit ansteckendem Enthusiasmus, eine neue Perspektive auf den Kohlhaas-Film zu eröffnen. Letztlich appelliert er damit an nichts anderes als die Grundessenz des filmischen Mediums, das ohne Vorstellungskraft und den Als-ob-Gedanken nicht denkbar wäre.

Ähnlich wie der sich in sein Gerechtigkeitsstreben hineinsteigernde Kohlhaas übersieht der begeisterte Jungfilmer allerdings die wahnhaften Züge seines Handelns. Nicht alle Schauspieler wollen seine herausfordernden Ideen teilen, und auch die anfangs hilfsbereite Dorfgemeinschaft ist zunehmend irritiert von den doch sehr eigensinnigen künstlerischen Ansichten des Regisseurs. Realität und filmische Fiktion verschwimmen für Lehman immer mehr und können am Ende nur ins Chaos führen.

Neben dieser tragisch-ernsten Färbung entfaltet "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel" allerdings auch einen herrlich absurden Charme. Etwa wenn die Filmcrew ihre recht kärgliche Schlafstatt, den einfachen Raum eines Gasthauses, bezieht, oder der Choreograf (Peter Trabner) mit den neugierigen Dorfbewohnern seltsam anmutende Bewegungsabläufe einstudiert. Ebenso komisch gestaltet sich die Passage, in der der widerwillige Hauptdarsteller lernen muss, auf einer Kuh zu reiten, da den Filmemachern keine Pferde zur Verfügung stehen. Zu einem der absoluten Höhepunkte zählt eine im Rahmen der Film-im-Film-Handlung stattfindende Schlacht, bei der sich die abgewetzt gekleideten Schauspieler, mit Stöcken statt Schwertern bewaffnet, auf Bäume und Sträucher stürzen, die Feinde repräsentieren sollen. Die Macht der Fantasie wird hier unumwunden beschworen und dadurch verstärkt, dass das imaginäre Kampfgetümmel mit naturalistischen Schlachtgeräuschen unterlegt ist.

Aus dem insgesamt überzeugenden und spielfreudigen Darstellerensemble ragt neben dem beeindruckenden Robert Gwisdek in der Rolle des Regisseurs auch Jan Messutat als Kohlhaas-Interpret heraus. Souverän fördert er die unterschiedlichen Facetten seiner zwischen Arroganz, ungläubigem Staunen und ehrlichem Interesse schwankenden Figur zu Tage. Und obwohl er, als größter Gegner von Lehmanns idealistischer Filmvision, wie ein böser Spielverderber wirkt, bleibt sein herrisches Verhalten für den Zuschauer doch nicht gänzlich unverständlich.

Fazit: Intelligente Abhandlung über den Prozess des Filmemachens und originelle Tragikomödie, "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel" funktioniert in beide Richtungen und ist, auch dank der leidenschaftlich agierenden Schauspieler, nie langweilig. Ein kleiner, aber wichtiger Film, dem es glücklicherweise nicht an Unterstützung gefehlt hat!





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