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Ein Hologramm für den König
Ein Hologramm für den König
© X Verleih © Warner Bros.

Kritik: Ein Hologramm für den König (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Tom Tykwers neuer Film ist ein kantiges Stück über die Folgen der Globalisierung und des Vertrauens auf ewiges Wirtschaftswachstum. Im Mittelpunkt der Adaption des gleichnamigen Roman von Dave Eggers aus dem Jahr 2012 aber steht die Lebenskrise eines Amerikaners um die 50, der nicht weiß, wie es für ihn weitergehen soll. Zum zweiten Mal arbeitet Tykwer nach "Cloud Atlas" mit Tom Hanks zusammen, der in der Hauptrolle die sympathische Seele der Geschichte wird und als solche ein reizvolles Gegengewicht zum kühlen, oft auch verunsichernden Stoff darstellt.

Der Kulturschock ist perfekt, als Alan mit Anzug und Krawatte in der Wüste steht und seinen Ärger zügeln muss: An der Rezeption des einzigen Gebäudes wird ihm gesagt, dass der König heute nicht kommt. Weil er aber sicher morgen erscheinen werde, solle sich Alan wieder pünktlich hier einfinden. So geht das jeden Tag – eine schmerzhafte Übung in Demut und eine Revision des Glaubens an die Potenz der amerikanischen Wirtschaft. Zunehmend wird der verunsicherte Alan mit seiner Vergangenheit konfrontiert und damit, wie er einst Arbeitsplätze vernichtete, indem er die Fertigung ins Ausland verlagerte. In Saudi-Arabien gehen die Uhren anders und Alan versteht das System nicht. Eine Atmosphäre des Bedrohlichen entsteht aufgrund der vielen kulturell bedingten Verbote und des Wartens auf ein Gegenüber, das Alan sagen könnte, was Sache ist. Als Ausländer läuft Alan ständig Gefahr, jemanden vor den Kopf zu stoßen – und dass er als Nicht-Muslim gar versehentlich nach Mekka gerät, ist ein Tabubruch, der unbedingt geheim gehalten werden muss.

Die Geschichte hat trotz ihrer absurden Züge eine starke Verankerung in der Realität. Tykwer besichtigte in Saudi-Arabien eine geplante königliche Wüstenstadt, in der sich nichts tut, und er erlebte im Kontakt mit Einheimischen diese Ambivalenz gegenüber westlichen Werten, wie sie auch der Fahrer Yousef besitzt. Einerseits hört er im Auto laut amerikanische Popmusik, andererseits irritiert ihn, dass Alan mit einer arabischen Ärztin allein im Raum gewesen ist. Aus solchen Diskrepanzen schlägt der Film wiederholt komödiantische Funken. Die Romanze, die sich zwischen Alan und Zahra anbahnt, mündet in eine wunderbar gefilmte Unterwasserszene, in der sich die beiden endlich ganz befreit den Blicken der Außenwelt entziehen können. Dass der Film analog und in der marokkanischen Wüste gedreht wurde – aus Saudi-Arabien selbst stammen jedoch Ansichten Djiddas und Mekkas -, erhöht die atmosphärische Spannung wirkungsvoll.

Fazit: In der frischen, kantigen Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dave Eggers lotet Regisseur Tom Tykwer mit gutem tragikomischem Gespür den Kulturschock aus, den ein amerikanischer Geschäftsmann in Saudi-Arabien erlebt. Hauptdarsteller Tom Hanks etabliert als Sympathieträger mit Herz ein spannendes Gegengewicht zur kühlen, oft auch diffus bedrohlichen Atmosphäre dieses Abgesangs auf westliche Hybris.





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