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Der Fremde am See
Der Fremde am See
© Alamode Film

Kritik: Der Fremde am See (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Angesichts der inhaltlichen Ausrichtung von "Der Fremde am See" fühlt man sich unweigerlich an William Friedkins umstrittenen Polizeithriller "Cruising" (1980) erinnert, in dem ein junger Ermittler in eine schwule Subkultur – die SM- und Bondage-Szene New Yorks – eintaucht, um einen Serienmörder aufzuspüren. Beide Filme setzen sich, freilich auf ganz individuelle Weise, mit den ritualisierten Abläufen bei der Suche nach potenziellen Sexualpartnern und der bedrohlichen Seite des Begehrens auseinander, weisen in formaler Hinsicht allerdings in ganz unterschiedliche Richtungen. Während das amerikanische Enfant terrible Friedkin eine infernalische Halbwelt in dunklen Farben zeichnet, die seinen Protagonisten einerseits abstößt, andererseits aber auch fasziniert, wählt der französische Filmemacher Alain Guiraudie einen quasi naturalistischen Ansatz, der ohne dämonisierende Inszenierungsstrategien auskommt.

Allein auf den Schauplatz des idyllischen Sees und dessen direkte Umgebung beschränkt, richtet Guiraudie seinen konzentrierten, fast statischen Blick auf die immer gleichen Abläufe am vorgestellten Schwulentreffpunkt. Wiederkehrende Bilder von ankommenden Kraftfahrzeugen am Nachmittag oder vom Spiel der Blicke beim Betreten des Strandbereiches vermitteln ein Gefühl authentischer Beiläufigkeit. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die umfassende Reduktion des Sounddesigns – Guiraudie verwendet ausschließlich natürliche Tonquellen – und den Verzicht auf künstliche Lichtsetzung. In einem derart alltäglichen Rahmen erscheinen selbst die überaus expliziten, für den Mainstream-Zuschauer ungewohnten Sexszenen, die der Regisseur immer wieder in das Geschehen einstreut, wie ein selbstverständlicher Bestandteil. Guiraudie möchte seinen Cruising Spot so natürlich wie möglich abbilden und kreiert auf diese Weise eine ungezwungene und doch recht eigenwillige Atmosphäre.

Der von Franck beobachtete Mord stellt sich schließlich als zentraler Knackpunkt des Films heraus, da er seltsamerweise nicht zu einem Bruch der alltäglichen Routinen am See führt. Obwohl das Auto des Getöteten tagelang verwaist auf dem Parkplatz steht, scheint sich zunächst niemand für sein Verschwinden zu interessieren. Die habituellen Abläufe sind ungestört und werden auch weiterhin in all ihrer Beiläufigkeit eingefangen, wobei die Motivationen einzelner Figuren, allen voran Francks bedingungslose Fixierung auf Michel, allzu abstrakt bleiben. Die Bedrohungskulisse, in die sich der Protagonist freiwillig begibt, baut sich vor diesem Hintergrund nur schwerfällig auf. Daran ändert auch das plötzliche Erscheinen eines mysteriösen Kommissars nur wenig, dessen unkonventionelle Ermittlungen nicht wirklich zu einer spannungssteigernden Verschärfung der Lage beitragen. Umso überraschender gestaltet sich dann das Finale, das unerwartet blutig ausfällt und im Lichte der vorangegangenen, eher zähen Entwicklungen reichlich überzogen erscheint. Als sich glaubwürdig zuspitzender Thriller funktioniert "Der Fremde am See" definitiv nicht.

Fazit: Formal interessant gestaltetes, jedoch wenig zwingend erzähltes Thrillerdrama mit expliziten Sexszenen, das die Motivationen seiner Figuren zumeist im Dunkeln lässt und sich vorrangig an ein Arthouse-Publikum richtet.




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