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Kritik: Stereo (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein dunkles Flammeninferno, dazu ein dumpf dröhnender Beat. Bedrohliches elektronisches Wummern zum Starten der Maschine, mit der ein Mann mit Sonnenbrille in Lederkluft über brandenburgische Alleen rast. Eine dunkle Atmosphäre akuter Gefahr und drohenden Untergangs. Ein extrem starker Einstieg.

Plötzlich hält ein Polizist den Fahrer an, der ohne Widerstand zu leisten, einen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung entgegennimmt. Die Szene zerstört mit einem Schlag die gesamte zuvor aufgebaute Spannung. Man fühlt sich fast in eine typische deutsche Komödie strafversetzt. Den Zuschauer beschleicht eine äußerst böse Ahnung, dass "Stereo" ein weiterer deutscher Genrefilm sein könnte, der daran scheitert aus seinen guten Absichten tatsächlich einen guten Film werden zu lassen. Doch schon bald kehrt mit dem erneut lautstark einsetzenden satten elektronischen Wummern die Hoffnung des Genre-Liebhabers zurück. Der Herzschlag beschleunigt sich und eine sich langsam steigernde Euphorie bahnt sich ihren Weg durch das zentrale Nervensystem.

Doch bevor die wahre Ekstase ausbrechen kann, schmeißt Drehbuchautor und Regisseur Maximilian Erlenwein ("Schwerkraft") uns gleich den nächsten Knüppel zwischen die Beine, zeigt sein Film ernsthafte Ladehemmungen, tut sich ein großes, dunkles, nichtssagendes Schwarzes Loch auf. Dass der von Moritz Bleibtreu verkörperte Henry nur in Eriks (Jürgen Vogel) Fantasie existiert, ist bereits klar, bevor man "Fight Club" sagen kann. Das ist so offensichtlich beim großen amerikanischen Bruder geklaut, dass sich alle schlimmen Erwartungen an einen deutschen Genrefilm erneut scheinbar bestätigt sehen.

Aber hier ist zwar alles bekannt, aber zugleich doch ganz anders. Das Doppelgänger-Motiv ist zwar tatsächlich geklaut, aber weniger aus "Fight Club" (1999), als aus dem unterschätzten "Mr. Brooks" (2007). In dem Film spielt Kevin Costner ("3 Days to Kill") den netten Familienvater und Serienkiller von nebenan, während in der Person von William Hurt dessen verdrängtes, dunkles, mörderisches Alter Ego neben im sitzt und ihn zu bösen Dingen zu bewegen versucht. Auch hier ist die Persönlichkeitsspaltung von Anfang an klar, wird aus ihr kein Geheimnis gemacht. Die Überraschung liegt eher darin, wie sich das Bild anderer Beteiligter im Verlaufe der Handlung verschiebt.

Auch hier geht "Stereo" eigene Wege, ist kein deutscher Klon eines erfolgreichen amerikanischen Produkts. Mehr soll an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden. Doch ist es so, dass im Verlaufe der Handlung viele Elemente eine ganz neue Wertigkeit erhalten, während der Film unbeirrt und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung in immer surrealere Gefilde düst. Da erscheinen in heruntergekommenen Plattenbauten lebende und in Exorzismus bewanderte Heilpraktikerinnen, lasziv nackt in Badezimmern tänzelnde Prostituierte, unheilvoll-hysterisch schwadronierende alte Osteuropäer, unverhohlen wienernde, humpelnde Gangsterbosse, wüste Fetisch-Party-Exzesse in geheimen Club-Katakomben und mittendrin steppt feist mit seinem blutverschmierten Maul grinsend der große Genre-Bär. Großartig. Mehr davon!

Fazit: "Stereo" ist ein deutscher Psychothriller, der sehr stark anfängt, scheinbar schnell stark nachlässt und dann noch stärker weitergeht und mit einem wummernden Beat zu einem fulminanten Ende kommt. Chapeau!





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