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Kritik: Ich und Du (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Zwei einsame junge Menschen teilen sich in einer italienischen Großstadt ein Versteck auf Zeit. Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci kehrt mit diesem verträumten Kammerspiel nach einer zehnjährigen, krankheitsbedingten Schaffenspause zum Film zurück. Auch "Ich und Du" handelt von einer Rückkehr ins Leben, einer Selbstbefreiung. Die Halbgeschwister Lorenzo und Olivia überwinden gemeinsam ihre innere Isolation und entdecken die eigenen Kräfte.

Lorenzo sucht das Versteck im Keller, um sich für ein paar Tage dem Druck seiner Eltern zu entziehen. Sie wünschen sich einen angepassten, gut integrierten Sohn, der sich nicht verkriecht. Und nun macht er genau das, von der Sehnsucht getrieben, das Leben allein zu erforschen. Wie er es sich im Keller häuslich einrichtet, hat etwas Provisorisches, Unverbindliches. Mal sehen, was Spaß macht, welche Vorstellung hier eine Form findet. Eine ganze Wohnungseinrichtung steht ihm zur Verfügung, weil früher einmal eine alte Frau hier lebte. Eine aufgestellte Matratze legt er sich zum Schlafen auf den Boden, die Couch benutzt er zum stundenlangen Musikhören, im Küchenschrank findet er Besteck. Die Woche in der Einsamkeit ist eine Art Initiation.

Ganz anders als Lorenzo, wirkt die Künstlerin Olivia aktiv und ausdrucksstark. Aber auch hinter ihrer aggressiven Sprunghaftigkeit verbirgt sich die Erfahrung jahrelangen Alleinseins. Der Entzug, den sie radikal beginnt, ist nicht ihr erster, und womöglich auch nicht ihr letzter, denn ihre Freunde scheinen ihr ebenso wenig Halt zu geben wie einst ihr Vater nach der Trennung von der Mutter. Der Film lässt es offen, ob die Woche mit Lorenzo sie genügend festigt. Erst dadurch wird die Hoffnung, aber auch die ständige Unsicherheit spürbar, die Olivia immer wieder fühlen muss. Das nur durch wenige Außenaufnahmen unterbrochene Kammerspiel dieser beiden verwandten Antagonisten spitzt sich nicht allzu dramatisch zu, sondern bleibt immer auch eines der stummen Gedanken. So wirkt die schmutzige Kellerwohnung mit ihrem Gerümpel nicht einengend, sondern wie ein Raum, in dem sich die Fantasie ausbreiten kann.

Auf der visuellen Ebene arbeitet Bertolucci nach dem gleichen Prinzip. Die Bilder sollen nicht alles offenbaren, der Keller wie eine unentdeckte Schatzkammer wirken. Bertolucci drehte auf Zelluloid, weil er die "unkontrollierbare Schärfe" des digitalen Films unerträglich fand, wie es im Presseheft heißt. "Ich und Du", der auf dem gleichnamigen Roman von Niccolò Ammaniti basiert, macht sich selbst klein, indem er so vage und fließend bleibt. Aber Bertoluccis psychologische Neugier und seine Fähigkeit, sie atmosphärisch umzusetzen, geben auch diesem Film das gewisse Etwas.

Fazit: Zwei einsame Halbgeschwister gehen in einem Keller für eine Woche in Klausur: Psychologisch reizvolles Kammerspiel von Bernardo Bertolucci, das der Fantasie Räume öffnet, aber vage bleibt.




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