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Ich fühl mich Disco
Ich fühl mich Disco
© Salzgeber & Co

Kritik: Ich fühl mich Disco (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit dem Indie-Film "Dicke Mädchen" gelang dem Filmemacher Axel Ranisch vor einem Jahr ein großer Überraschungserfolg, der von der Kritik und von Liebhabern "andersartiger Filme" gleichermaßen gefeiert wurde. Ebenso wie "Dicke Mädchen" handelt auch der neue Film von Ranisch – wiederum mit geringem Budget und hoher Improvisationskunst inszeniert – von den Themen Selbstfindung, Verlust, sexuelle Sehnsüchte und Coming-Out. Dabei ließ sich Ranisch bei der stark autobiografisch gefärbten Story von der eigenen Beziehung zu seinem Vater beeinflussen. "Ich fühl’ mich Disco" ist eine warmherzige, sympathische Coming-of-Age-Tragikomödie geworden, die sich vor allem dank der überzeugenden Darsteller und der surrealen Ausflüchte in bunte Phantasiewelten von der Konkurrenz abhebt und für viel Spaß sorgt.

Eine der großen Stärken von "Ich fühl' mich Disco" sind die authentischen, gefühlvollen Ensemble-Leistungen. Vor allem Jung-Darsteller Frithjof Gawenda agiert mit viel Feingefühl und schafft es, den unter Gewichtsproblemen leidenden, unsicheren Teenager Florian dem Zuschauer näher zu bringen – ohne ihn dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Er behält selbst dann seine Würde, wenn er bunt verkleidet mit der Mutter die Wohnung in eine Disco verwandelt und zu den schmalzigen Songs von Schlagerbarde Christian Steiffen tanzt. Diese Einlagen sind herzergreifend komisch geraten und stellen eine willkommene Abwechslung zur melancholischen, ernsten Coming-of-Age-Story dar. Man gönnt Florian seine musikalischen Trips in die Phantasie- und Traumwelten – schließlich hat er nicht nur mit mangelndem Selbstwertgefühl und einem gestrengen Vater zu kämpfen. Der tagträumende Florian entdeckt schließlich bald auch homosexuelle Neigungen, als er sich in einen Schüler von Turmspring-Trainer und Vater Hanno verliebt.

Dieser Hanno wird von Ranisch-Stammschauspieler Heiko Pinkowski als zwar bemühter, aber letztlich erfolgloser und arg überforderter Holzklotz-Vater dargestellt. Nach dem Tod der Mutter sind Papa und Sohn gezwungen, einander anzunähern und zusammenzuhalten. Diese Wandlung im Verhalten des Vaters sowie die sich verändernde Vater-Sohn-Beziehung, die abwechselnd von rührender Harmonie und tiefem Unverständnis geprägt ist, inszeniert Regisseur Ranisch einfühlsam und mit dem richtigen Grundton, ohne dabei in kitschige Gefilde zu driften. Zuletzt überzeugt "Ich fühl’ mich Disco" durch seinen lebensbejahenden Grundton und dem zarten Humor, den Ranisch immer wieder dann einsetzt, wenn Vater und/oder Sohn am verzweifeln sind und es keinen Ausweg aus der Misere zu geben scheint. Bestes Beispiel: Wenn sich Schlagersänger Christian Steiffen in einer Kneipe zu dem volltrunkenen Hanno setzt und ihm – auf seine ganz eigene Art – Mut macht.

Fazit: Sensibel erzähltes, mit großartigen Darstellern ausgestattetes Familien-Drama, dessen lebensbejahender Grundton und feinfühliger Humor komplexe Themen wie Verlust und Coming-Out gekonnt aufbereitet.




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