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Rosie
Rosie
© Kool Filmdistribution © Die FILMAgentinnen

Kritik: Rosie (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wenn die Eltern alt werden, kommen auf die erwachsenen Kinder oft unangenehme Aufgaben zu. Sie sollen sich kümmern, den Alten schonend vermitteln, dass sie Hilfe brauchen, wobei sie nicht selten auf erbitterten Widerstand stoßen. Diese Auseinandersetzungen holen dann auch ungelöste Familienprobleme ans Tageslicht, die man im Grunde längst hinter sich lassen wollte. Der Schweizer Regisseur Marcel Gisler erzählt eine solche verzwickte Geschichte, die wie aus dem Leben gegriffen wirkt. Tatsächlich spielt sie nicht nur in seinem Heimatort Altstätten, sondern trägt auch autobiografische Züge. Gisler porträtiert in der Titelfigur seine Mutter einfühlsam als außergewöhnliche Frau mit Ecken und Kanten.

Die Handlung folgt dem Rhythmus der Besuche, die Lorenz seiner Mutter abstattet. Sie bleiben meistens unbefriedigend, die Kommunikation mit ihr und seiner Schwester verläuft stockend und allzu oft ergebnislos. Im Vordergrund steht die Sorge um die halb verwahrloste Alkoholikerin, die Hilfe im Haushalt braucht. Aus Rosies Perspektive aber, die sie mit Händen und Füßen verteidigt, gilt es die Bevormundung durch die Kinder abzuwehren. Die Auseinandersetzungen sind ein einziges Minenfeld, denn Rosie kann wirklich noch vieles selbst und hat außerdem ein Recht auf Unvernunft, das die Kinder nur schwer ertragen.

Im Hintergrund aber zeichnen sich bald noch tiefere Konflikte ab, die in der verkorksten Beziehung Rosies zu ihrem verstorbenen Mann liegen. Sie sind schließlich auch der Schlüssel zu den Bindungsproblemen von Lorenz und Sophie. Vor allem aber steckt darin ein Geheimnis, das Rosie emotional selbst von ihren Kindern isoliert. Ihre fidele, unabhängige Art, ihr Hunger nach Leben, ihre unverblümte Sprache haben etwas Grelles und gaukeln eine Stärke vor, die zum Teil aufgesetzt ist.

Die ruhig mäandernde Geschichte, die sich Zeit für scheinbar Nebensächliches nimmt, hat eine starke Bodenhaftung und wirkt auf den ersten Blick unscheinbar wie ein Fernsehfilm. Dass sich die dramatische Fallhöhe beinahe unmerklich aufbaut, liegt auch an dem treffsicheren Humor der Dialoge. In Schweizerdeutsch gesprochen, sind Rosies unangepasste Meinungen und ihre Schlagfertigkeit, die die Kinder an ihre Grenzen bringen, ein steter Quell für Heiterkeit. Nicht zuletzt aber hat die Art, wie Sibylle Burger die alte Frau als laute, wackelige Kämpfernatur darstellt, ohne sich vor Lächerlichkeit zu fürchten, etwas Befreiendes. Sie sprengt das klischeehafte Korsett, das Senioren allzu gerne als resigniert und altersmilde begreift.

Fazit: Das geerdete, authentische und differenziert beobachtende Familiendrama um eine außergewöhnliche Seniorin ist die Liebeserklärung des Schweizer Regisseurs Marcel Gisler an seine Mutter.





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