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Begegnungen nach Mitternacht
Begegnungen nach Mitternacht
© Salzgeber & Co

Kritik: Begegnungen nach Mitternacht (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Begegnungen nach Mitternacht" ist der erste Spielfilm des französischen Filmemachers Yann Gonzalez, der bisher einige Kurzfilme realisierte. Und was für ein Debüt: "Begegnungen nach Mitternacht" ist ein komplexer, sinnlicher und immer wieder stark surrealistisch angehauchter Mix aus Sex-Film, Ensemble-Drama und pornografischem Sittengemälde. In seiner Sprache und Darstellung ungemein offen und konsequent lässt er sich schwer fassen und ist sicher vor allem zarten Gemütern und konservativeren Filmfreunden wohl eher nicht zu empfehlen. Allen anderen offenbart sich ein atmosphärisches, formvollendetes Kunstkino-Kleinod, das auch durch den fiebrig-schwülen Elektro-Soundtrack (von der Pop-Band M83, deren Gesicht Gonzalez' jüngerer Bruder Anthony ist) überzeugt und harmonische Bilder-Welten bietet.

"Begegnungen nach Mitternacht" könnte für alle Cineasten von großem Interesse sein, die ein Faible für die Skandal-Filme Lars von Triers einschließlich deren Direkt- und Offenheit sowie Unmittelbarkeit haben. Ungeschminkt und ohne Zurückhaltung sprechen die Teilnehmer der illustren Runde über ihre sexuellen Sehnsüchte, ihre Wollust und ihre Neigungen. Immer wieder kommt es dabei auch zu sehr offenherzigen Szenen und überraschend-unmittelbaren, freizügigen Momenten, etwa wenn sich die Teilnehmer ganz langsam immer mehr der sehnsuchtsvollen, lustvollen Stimmung und Atmosphäre dieser sexuellen "Sitzung" hingeben: so kann der Zuschauer etwa die "Schlampe" dabei beobachten, wie sie sich in einer Art erotisch aufgeladenem Sinnlichkeits-Tanz in regelrechte Ektase räkelt oder wie der "Hengst" (gespielt vom ehemaligen Fußball-Star Eric Cantona) sein bestes Stück anpreist und minutenlang über dessen Pracht und Größe schwadroniert - bis er dieses schließlich den anderen Gästen und damit auch dem unschuldigen Kino-Zuschauer offenbart.

Überhaupt machen die ungewöhnlichen Eigenarten und abnormen Vorlieben sowie Verhaltensweisen, die die Gäste - so bunt und schrill wie das Leben selbst - an den Tag legen, einen großen Teil des Reizes aus. Da ist der psychisch labile, melancholische Schöngeist Matthias, der ebenso mit seiner Sexualität spielt und kokettiert wie seine nicht minder anziehende und laszive Freundin Ali, gespielt von der sinnlich-aufreizenden Kate Moran. Oder das transsexuelle Zimmermädchen des Pärchens, Udo, das die Gruppe der Grenzgänger und Transgender verkörpert und wie selbstverständlich in die Handlung eingebaut ist, als fester Bestandteil der schrillen Gruppe agiert und für eine starke Ambivalenz und Verwirrung beim Betrachter sorgt. Stark ist auch die kunstvolle, immer wieder mit Schattierungen spielende, zwischen Hell-Dunkel-Kontrasten changierende Bildsprache, ebenso wie der fiebrig-hitzige Elektro-Soundtrack der Dream-Pop-Band "M83", der sich der sexuell aufgeladenen Stimmung des Films und der triebhaften Hemmungslosigkeit der Protagonisten komplett anpasst. Als Zuschauer ist man entweder angewidert oder aber fasziniert und eingenommen von diesem Film, beides gleichzeitig aber ist unmöglich.

Fazit: Drastischer, lüsterner Ensemble-Porno für Freunde melancholischer und erotischer Filmkunst, ausgestattet mit warmen, fast poetischen Bilderwelten und einem grandiosen sowie stimmigen Elektro-Soundtrack.




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