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Der letzte der Ungerechten
Der letzte der Ungerechten
© Filmladen

Kritik: Der letzte der Ungerechten (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Der Letzte der Ungerechten" ist vermutlich der letzte Film von Lanzmann, der bereits zu Zeiten der Fertigstellung des Films vor zwei Jahren fast 90 Jahre alt war. Nach eigener Aussage wolle er mit diesem Film auch die öffentliche Wahrnehmung von Murmelstein, der Zeit seines Lebens aufgrund seiner Funktion im Ghetto kritisch beäugt wurde, in ein besseres, positiveres Licht rücken und die Wahrheit über ihn berichten. Murmelstein überlebte das Ghetto von Theresienstadt vor allem auch deswegen, weil er zu den "Ältesten" des sog. Jüdischen Rats im Ghetto gehörte. Diesen Rat schufen die Nazis, um jüdische Verbindungsleute zu haben, die zwischen ihnen und den Juden vermittelten. Verbindungsmänner, deren Rolle aber bis zum Tode von Murmelstein Ende der Achtziger und darüber hinaus zwiespältig bewertet wurde.

Die einen zeigten Mitgefühl aufgrund der schwierigen Rolle dieser "Ältesten" im Rat, andere wiederrum sahen sie als Mittäter und forderten daher die Todesstrafe. Letztlich zwang man "Judenälteste" wie Murmelstein dazu, mit den NS-Behörden zu kooperieren. Über elf Stunden dauerten die Gespräche, die Lanzmann 1975 mit Murmelstein im Rahmen von einer Woche bei Spaziergängen oder bei ihm zu Hause führte und die bedingungslos Zeugnis darüber ablegen, wie kontrovers, moralisch ungeheuerlich und verwerflich die Aufgaben und Pflichten dieser Judenräte in den Ghettos waren. Auf perverse, perfide Art und Weise machten die Nazis ihre Todfeinde, die Juden, ungewollt zu Mittätern am eigenen Volk. Allein dass der Film diesen Umstand durch die ausführlichen Berichte Murmelsteins mehr als deutlich aufzeigt, sorgt dafür, dass "Der Letzte der Ungerechten" als enorm wichtig und unbedingt relevant für die letzten Zügen und Phasen der dokumentarischen bzw. filmischen Aufarbeitung nationalsozialischer Verbrechen angesehen werden kann.

Der Film ist fast vier Stunden lang und fordert vom Zuschauer daher natürlich einen langen Atem, aber Lanzmann macht sich hier weitere klassische Elemente und Stilmittel des Dokumentarfilms zu nutze. Es erfolgt also kein reines Abfilmen der Gespräche wie in "Shoah", was den Film weniger zäh und trocken und daher eben auch für Nicht-Historiker und nicht unmittelbar vom Holocaust Betroffene interessant und spannend macht. Wichtigste Grundlage für den Film bilden neben den intensiven, sehr emotional vorgetragenen Äußerungen Murmelsteins (vor allem auch über seine Beziehungen zu SS-Führer Adolf Eichmann), Auszüge und Ausschnitte eines NS-Propagandafilms des jüdischen Regisseurs Kurt Gerron. Dieser wurde gezwungen, einen Film über das "paradiesische Leben" der Juden im "Vorzeige-Ghetto" von Theresienstadt zu drehen. Der Film war verklärend und nichts als eine Propaganda-Lüge, der Kanon lautete "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", dies war im Anschluss auch so oder so ähnlich in vielen deutschen Zeitungen zu lesen. Ziel: Die Vertuschung der Deportationen und des millionenfachen Massenmords an den Juden.

Darüber hinaus besucht Lanzmann zum ersten Mal selbst die Orte der Verbrechen, die Kamera zeigt ihn z.B. in Wien, in der südpolnischen Stadt Nisko oder in Theresienstadt selbst, am Ort des ehemaligen Ghettos, an dem er aus Zeitzeugen-Berichten und aus dem Buch Murmelsteins vorliest.

Fazit: Eindringliche, epische Dokumentation über ein vergleichsweise wenig bekanntes, filmisch bis heute kaum aufgearbeitetes Kapitel des NS-Terrors und der Judenvernichtung in Osteuropa.




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