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Kritik: Eva Hesse (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das Künstlerporträt "Eva Hesse" stellt eine hierzulande wenig bekannte, aber hochtalentierte Bildhauerin und Malerin aus den 1960er Jahren vor. Obwohl die Amerikanerin nur 34 Jahre alt wurde, gehörte sie schon zu Lebzeiten zu den angesehensten Künstlern New Yorks. Die Kunstprofessorin Marcie Begleiter spiegelt mit dem stilistischen Reichtum ihrer filmischen Inszenierung die Experimentierfreude Eva Hesses und zeigt, wie sehr Werk und Vita dieser Künstlerin miteinander verzahnt waren. Zugleich taucht der Film in die 1960er Jahre als Dekade der großen Umwälzungen ein und bietet spannende Einblicke in die damaligen Strömungen der bildenden Kunst.

An Eva Hesse erinnern sich in diesem Film außer ihrer Schwester Helen Hesse Charash viele Weggefährten, Künstler und Kunstexperten. "Ich möchte alles aufsaugen, was das Leben mir zu bieten hat", schreibt sie ihrem Vater, als er ihr einen soliden Beruf empfiehlt. Während ihres Aufenthalts in Essen-Kettwig ist sie von starken Selbstzweifeln geplagt, findet ihre Arbeiten schlecht und kämpft sich trotzdem durch alle Blockaden. Der Briefwechsel, den sie mit ihrem guten Freund Sol LeWitt führt, schildert diese dramatische Phase ihrer Entwicklung sehr spannend. An anderer Stelle erzählt ein Künstlerkollege, wie sie neue Materialkombinationen ausprobierte. So bekommt der Zuschauer auch den Entstehungsprozess berühmter Werke erklärt. Künstlerkollegen und Experten gehen darauf ein, was sie vom damals vorherrschenden, strengen Minimalismus unterscheidet. Auch der Hinweis fehlt nicht, dass sich Eva Hesse in der Männerdomäne bildende Kunst zu wenig ernst genommen fühlte.

Die aufregenden, sinnlichen Werke, in denen sich Abstraktes und Surreales, verschiedene Oberflächenstrukturen und Dinge, die aus der Reihe tanzen, begegnen, wechseln sich auf der Bildebene ab mit vielen Schwarz-Weiß-Fotografien. Auf einer neigt Eva Hesse ihren Kopf langsam zu Tom Doyle hin, doch auch sonst wirkt die Künstlerin sehr lebendig, weil sie eine Stimme geliehen bekommt, um als Ich-Erzählerin aus ihren Tagebüchern und Briefen vorzulesen. Mit Archivaufnahmen und Musik werden die bewegten 1960er aus der Versenkung geholt. Ebenfalls dynamisch wirken die Splitscreens, Kamerazooms und künstlerischen Animationen, aber der Film selbst strahlt keinerlei Unruhe aus. Eva Hesse konnte so vieles mit den Händen ertasten und abbilden: die Boten der neuen Zeit, etwa den Aufbruch in die bunte Synthetikwelt, die emotionale Aussagekraft der Dinge. Mit diesem Film bekommt sie eine Hommage, die ihrer würdig ist.

Fazit: Dieses gelungene, bewegende Porträt der 1970 verstorbenen Bildhauerin Eva Hesse ist ein Muss für alle, die sich für moderne Kunst interessieren. Es spiegelt mit einer Fülle von Material, Ideen und Formen die Dynamik der Werke dieser New Yorker Künstlerin, ihren intensiven Dialog mit dem Neuen in der hoch kreativen Epoche der 1960er Jahre. Die lebendige und vielschichtige Kunstvermittlung orientiert sich stets am Menschen hinter den Werken.




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