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Nordstrand
Nordstrand
© farbfilm verleih

Kritik: Nordstrand (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Obwohl es äußerlich zurückhaltend in kargen Bildern inszeniert ist, entwickelt das Drama "Nordstrand" von Regisseur und Drehbuchautor Florian Eichinger eine aufwühlende Intensität. Die Auseinandersetzung zweier Brüder mit ihrer traumatischen Kindheit ist nach Eichingers Debüt "Bergfest" der zweite Film seiner geplanten Trilogie über familiäre Gewalt und ihre Folgen. Dazu erklärt der Regisseur: "Mir geht es besonders um stille, versteckte Gewalt. Manchmal ist den Betroffenen der Einfluss unter dem sie stehen nicht einmal bewusst – obwohl er ihr ganzes Leben überschattet."

Eine sehr geschickte Konstruktion sorgt dafür, dass man als Zuschauer im Laufe der Geschichte nur sparsame, punktuelle Hinweise erhält, was Marten und Volker durchmachen mussten. Ein Prolog zeigt die beiden Kinder im Wohnzimmer, wie sie heimlich ein Schlückchen aus der Whiskyflasche probieren. Als die Eltern heimkehren, holt der Vater die Flasche erneut aus dem Schrank, um ein sadistisches Spiel zu beginnen. Von der Mutter erwartet er, dass sie sich heraushält. Wie diese Szene endet, bleibt zunächst offen, und auch in der kurzen Rückblende, in der sich der erwachsene Marten plötzlich daran erinnert, liegt das Verstörende zu gleichen Teilen im Sichtbaren und in der Auslassung.

Enna (Luise Berndt), Volkers Jugendfreundin, und eine ältere Nachbarin (Martina Krauel) kommen vorbei, um die Aufarbeitung der Vergangenheit weiter zu schüren. Bis zum überraschenden Ende aber unterläuft das kammerspielartige Geschehen im Haus und am Strand wiederholt die Erwartungen. Das große Drama bleibt zumindest äußerlich aus, der ambivalente Eindruck, den sowohl Marten als auch Volker machen, wird nicht aufgehoben. Die Stille im Haus, das Tosen der Nordsee am menschenleeren Strand spiegeln die labile, schwermütige Stimmungslage treffend.

Martin Schleiß und Daniel Michel spielen die beiden ungleichen Brüder hervorragend. Der auf den ersten Blick so unkomplizierte und freundliche Marten scheint mit seinem Versöhnungswunsch derjenige zu sein, der den besseren Weg gefunden hat. Dass Marten den Bruder braucht, um seine Schuldgefühle zu besänftigen, ist ihm selbst nicht bewusst. Volker aber verweigert Gefühle mit einer Konsequenz, die ihn manchmal stark, dann wieder seelisch deformiert wirken lässt. Am meisten beeindruckt an diesem kleinen Film, wie eindringlich er den Zwiespalt der Brüder schildert zwischen angestrebter Normalität und ihrer Trauer darüber, dass sie nur Flickwerk ist.

Fazit: Florian Eichingers zweiter Film einer Trilogie über Gewalt in der Familie ist ein aufwühlendes, mit karger Bildsprache erzähltes Drama, in dem zwei erwachsene Brüder mit ihrer Kindheit abrechnen.





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