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Kritik: Art War (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Film beginnt zur Zeit des arabischen Frühlings, der in Ägypten mit dem Rücktritt Mubaraks am 11. Februar 2011 anfing, und endet im Jahre 2013 mit dem Sturz Mursis durch einen Militärputsch. Während dieser Zeit begleitet der deutsche Dokumentarfilmer Marco Wilms eine Reihe von progressiven und politisch engagierten Künstlern in Kairo. Da gibt es Musiker wie Hamed, den selbst Folter durch das Militär nicht davon abhält auf dem Tahrir-Platz von einer wirklich freien Gesellschaft zu singen. Da gibt es politisch aktive Vertreter der Street-Art wie den Graffiti-Künstler Ganzeer, dessen Bildnis eines Todesschützen der Polizei um die Welt ging. Und da gibt es Menschen, wie die Electro-Punk-Sängerin Bosaina, die sich nicht davon abbringen lässt, in einer nach wie vor sehr unfreien Gesellschaft ihr Recht auf freie Selbstentfaltung einzufordern. Sie alle verbindet der Frust und die Wut über die Erkenntnis, dass trotz des langersehnten Endes der Herrschaft Mubaraks ein wirklicher gesellschaftlicher Wandel nach wie vor ausgeblieben ist. Deshalb betreiben sie ihre Kunst nicht alleine der Kunst wegen, sondern als Mittel zur Aufklärung des Volkes und als Fortsetzung der Protestbewegung. Ihr Ziel ist nicht weniger, als die Vollendung der Revolution, die mit dem arabischen Frühling begann.

Die Künstler beklagen, dass die Polizei und das Militär trotz des Regierungswechsels weiterhin die Menschen unterdrücken. Das Anfertigen von diesbezüglichen Protest-Graffiti ist eine waghalsige politische Aktion, bei der oft Lebensgefahr besteht. Diese Street-Art kommentiert und reflektiert die konkreten Ereignisse dieser Zeit. Dabei wird der Ton zunehmend schärfer und der künstlerische Ausdruck zunehmend radikaler. Eine erste öffentliche Galerie von durch das Militär ermordeten Märtyrern der Revolution zeigte die Verstorbenen noch so, wie sie vor ihrer Ermordung aussahen. Als es später zu weiteren toten Revolutionären kam, wurden die jedoch so abgebildet, wie sie aussahen, nachdem sie auf brutalste Weise ermordet wurden. Doch die Künstler protestieren nicht nur gegen die nach wie vor mächtigen Vertreter des alten Regimes. Sie wehren sich auch gegen die breite Front islamischer Fundamentalisten, welche dazu beitragen, dass die junge Demokratie bisher nicht diesen Namen wert ist. Die Motivation der Künstler ist es deshalb auch zu zeigen, dass es nach wie vor Anhänger echter Demokratie und Freiheit gibt.

Aus rein ästhetischer Sicht fällt auf, dass die gezeigte Street-Art tatsächlich das Schönste in dem dokumentierten Kairo ist. So ist der berühmte Tahrir-Platz zwar der größte Platz der ägyptischen Hauptstadt, an dem sich bereits vor der Revolution die verschiedensten gesellschaftlichen Schichten begegnet sind. Doch von einem architektonisch reizvollen Platz kann nicht wirklich gesprochen werden. Die oft wunderschönen Graffiti wirken wie eine visuelle Oase inmitten grauer urbaner Ödnis. Ein Street-Art-Künstler vertritt die Ansicht, dass der Sinn für schöne Bilder ein fester Bestandteil der ägyptischen Seele ist. Er zeigt ein altes Dorf, in dem sich zahlreiche Wandmalereien sowohl aus der Zeit der Christianisierung, als auch der späteren Verbreitung des Islams befinden. So eröffnet sich eine faszinierende jahrtausendealte Tradition sowohl zeichnerisch origineller, als auch farblich unglaublich schöner Wandbilder, die bis in die Zeit der Pharaonen zurückreicht. Diese Einflüsse zeigen sich auch in den originellen Graffiti. So ist auf künstlerischer Ebene bereits eine spezifisch ägyptische Synthese aus jahrtausendealter Tradition und aufkeimender Moderne gelungen.

Fazit: "Art War" ist eine sehr sehenswerte Dokumentation über die vielfältige und politisch sehr engagierte junge Kunstszene in Kairo. Der deutsche Dokumentarfilmer Marco Wilms hält sich bei diesem Film gestalterisch sehr zurück und lässt stattdessen die Kunst und die Menschen für sich sprechen.





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