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A Most Violent Year
A Most Violent Year
© Universum Film © SquareOne

Kritik: A Most Violent Year (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Bevor Bürgermeister Rudolph Giuliani die Kriminalitätsrate durch hartes Vorgehen drastisch senkte, war New York ein gefährliches Pflaster. Zahlreiche Filme aus den 1980ern künden davon – mal ernst, mal ironisch zugespitzt. In beiden Fällen waren die Protagonisten jedoch gut beraten, U-Bahn-Stationen und dunkle Seitenstraßen nach Sonnenuntergang zu meiden.

Regisseur J. C. Chandor muss diese Klischees gar nicht erst bemühen. Um dunkle Seitenstraßen und falsch eingeschlagene Pfade geht es in "A Most Violent Year" dennoch. Der Verfall der Metropole am Hudson ist bei Chandor auch im klaren Tageslicht sichtbar. Es ist vor allem ein moralischer.

Die Geschichte dreht sich im Kern um drei Figuren: Um den aufrechten Geschäftsmann Abel Morales (Oscar Isaac), der seine Integrität bereits im Vor- und Nachnamen trägt. Um dessen Ehefrau Anna, die als Tochter eines Gangsters im Gegensatz zu ihrem Mann keine Skrupel kennt. Und um den Lastwagenfahrer Julian (Elyes Gabel), der über den Anforderungen des Geschäfts seine Moral verliert. Virtuos führt eine Parallelmontage die drei ein, etabliert den Handlungsort, das soziale Milieu und die Gewalt, auf die der Filmtitel anspielt in nur wenigen Minuten. Am Ende der Sequenz wird Julian überfallen und aus seinem Lastwagen gezogen. Eine Nachrichtensendung im Radio verknüpft die Szenen auf der akustischen Ebene. Ganz beiläufig ist darin von den Verbrechen zu hören, die das Jahr zum gewalttätigsten der New Yorker Geschichte machen.

Diese (scheinbare) Beiläufigkeit zieht sich als Stilmittel durch den Film. Doch sie ist bis ins Detail inszeniert. Anstatt dem Zuschauer die Antworten aufzudrängen, muss dieser in "A Most Violent Year" ganz genau hinsehen und -hören. Denn die Wahrheit im korrupten Heizölgeschäft steckt zwischen den Zeilen, in den Pausen der Dialoge und in den Blicken der Protagonisten.

Ebenso subtil und wohldosiert setzt der Regisseur die Gewalt ein. Obwohl der Film sie bereits im Titel trägt, ist "A Most Violent Year" kein blutiger Gangsterfilm geworden. Es fallen nur wenige Schüsse. Durch die Kugel eines Fremden kommt kein Mensch zu Schaden. Und dennoch schwingt die Gewalt in jeder Szene mit, ist der immense Druck förmlich greifbar, dem Abel beruflich wie privat ausgesetzt ist.

Oscar Isaac spielt diesen vom Erfolgsdenken und den eigenen moralischen Ansprüchen getriebenen Einwanderer mit beeindruckender Zurückhaltung. Als einen Mann, der seinen Prinzipien bedingungslos treu bleiben möchte und für das Geschäft dennoch - wohlgemerkt legal - über Leichen geht. Jessica Chastain ergänzt Isaac perfekt, gibt die kühl kalkulierende Blonde in einer Mischung aus ehrlich gemeinter Mutterliebe, Pragmatismus und arroganter Selbstüberschätzung.

Es ist erst Chandors dritter Film, und bereits jetzt zeichnet sich eine Handschrift ab, die auf Großes hoffen lässt. Wie "Der große Crash – Margin Call" (2011) und "All Is Lost" (2013) ist auch "A Most Violent Year" ein ruhiger Film, der ohne spektakuläre Knalleffekte eine äußerst beunruhigende Atmosphäre verströmt - und dessen Ende ein weiteres Mal ambivalent ausfällt. Das Heizölgeschäft kann darin auch als Metapher verstanden werden auf eine Wirtschaft, in der das schwarze Gold mehr wert ist als ein Menschenleben.

Fazit: Virtuos inszeniertes Drama um die Moral in einer korrumpierten Geschäftswelt mit blendend aufgelegten Schauspielern. Regisseur J. C. Chandor empfiehlt sich damit ein weiteres Mal für höhere Aufgaben.





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