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The Purge: Anarchy
The Purge: Anarchy
© Universal Pictures International Germany

Kritik: The Purge 2: Anarchy (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Erst vor einem Jahr bestätigte der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco mit seinem dystopischen Horrorthriller "The Purge - Die Säuberung" eine Grundsatzregel des Filmgeschäfts: So interessant und originell eine Idee auch klingen mag, so wenig ist sie eine Garantie für ein gelungenes Endprodukt. Während die Prämisse seines Schockers – in den USA gibt es in naher Zukunft eine Nacht, in der für wenige Stunden nahezu alle Verbrechen erlaubt sind – nervenzerrende Spannung und satirische Spitzen versprach, entpuppte sich das Werk letztlich als eher mäßiger Home-Invasion-Reißer, der die sozialen Implikationen der Geschichte – auch bedingt durch ein überschaubares Budget – allenfalls anschneiden konnte. Vieles blieb vage, und so musste der Zuschauer mit einer manchmal sogar ungelenken Imitation sattsam bekannter Genre-Muster vorliebnehmen.

Da "The Purge" überraschend viele Menschen in die Kinos lockte (eingenommen wurden weltweit fast 90 Millionen Dollar, bei Herstellungskosten von gerade einmal 3 Millionen), durfte sich DeMonaco, mit üppigeren Mitteln ausgestattet, an einem Sequel versuchen und marschiert damit in eine gänzlich andere Richtung. Statt klaustrophobischem Hausterror erwartet das Publikum hier ein verzweifelter Überlebenskampf in den Straßen von Los Angeles. Geführt von einer Schicksalsgemeinschaft, die sich während der Purge-Nacht zusammenfindet: Zuerst rettet ein schweigsamer, aber zupackender Sergeant (Frank Grillo), der den Tod seines Sohnes rächen will, die alleinerziehende Mutter Eva (Carmen Ejogo) und deren Tochter Cali (Zoë Soul) aus den Händen einer skrupellosen Einsatztruppe. Dann treffen die drei auf das junge Pärchen Liz (Kiele Sanchez) und Shane (Zach Gilford), das von Maskierten verfolgt wird, und man beschließt nach kurzer Diskussion, gemeinsam weiterzuziehen.

Anders als im Vorgänger macht der Regisseur die schrecklichen Ausmaße der offiziell abgesegneten Verbrechenszeit dieses Mal sehr konkret spürbar. Psychopathen leben ihre unterdrückten Fantasien aus. Jugendliche machen Jagd auf wehrlose Opfer. Wohlhabende Bürger verwandeln die Purge in ein perverses Spaßevent. Mittellose Menschen vergreifen sich an Bankern. Und selbst der Staat scheint nicht einfach zusehen zu wollen, sondern beteiligt sich aktiv am mörderischen Treiben. Das Gesellschaftsbild, das sich in "The Purge: Anarchy" langsam zusammensetzt, hat, auch wenn die Kriminalität dank der Säuberungsnacht im restlichen Jahr gen null tendiert, nichts Humanes an sich. Wirkt vielmehr grotesk und furchteinflößend. Weshalb es nicht verwundern muss, dass sich im Untergrund rebellische Kräfte zusammenrotten, die einen gewaltsamen Aufstand planen – gegen die "Neuen Gründungsväter", wie sich die Machthaber nennen, und all jene, die das jährliche Ereignis auf dem Rücken der armen Bevölkerungsschichten austragen.

DeMonacos Zukunftsvision arbeitet mit platten Gegensätzen und grellen Farben, entfaltet in manchen Situationen aber eine Beklemmung, die nur schwer auszuhalten ist und den Zuschauer mit der Frage konfrontiert, wie er sich wohl in einem ähnlichen Szenario verhalten würde. Leider gelingt es dem Film jedoch nicht, seine grauenvollen Gesellschaftsimpressionen sinnvoll mit dem Überlebenskampf der Hauptfiguren zu verbinden. Die Protagonisten wirken zumeist wie bloße Erfüllungsgehilfen des Plots und lassen fast durchweg Profil vermissen. Besonders offensichtlich ist dies im Fall von Liz und Shane, um deren Leben man eigentlich zittern sollte, die mit ihrem dümmlichen Verhalten allerdings schnell zu nerven beginnen. Herzlich egal ist es daher auch, wenn sie sich ganz abrupt aus der Handlung verabschieden.

Dass die dramatischen Ereignisse der Purge-Nacht immer wieder ein Stück ihres Schreckens einbüßen, liegt auch an der übermäßigen Fokussierung auf krachende Actioneinlagen. DeMonaco scheint vor allem den brutalen Gefechtsszenarien zu vertrauen, setzt damit aber nicht immer auf das richtige Pferd. Deutlich bedrohlicher und eindringlicher sind weniger aktionsbetonte Momente wie eine bizarre Versteigerungsveranstaltung oder der Anblick einer reichen Familie, die sich in einem mit Plastikplanen abgedeckten Raum um ein freiwilliges Opfer versammelt und den anstehenden Tötungsakt quasireligiös zelebriert. Etwas merkwürdig mutet das überraschend erbauliche Finale an, in dem moralische Integrität plötzlich groß geschrieben wird, ohne dass sich dies im Verhalten der Figuren angebahnt hätte.

Fazit: "The Purge: Anarchy" bietet viele spannende Ansätze, schafft es aber nicht, seine Figuren interessant zu gestalten, und versteigt sich außerdem etwas zu sehr in knallige Actionfantasien. So kann sich das Grauen der äußerst düsteren Zukunftsvision nicht voll entfalten. Besser als sein Vorgänger ist das Sequel allerdings schon.





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