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Ein Hells Angel unter Brüdern
Ein Hells Angel unter Brüdern
© farbfilm verleih

Kritik: Ein Hells Angel unter Brüdern (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseur Marcel Wehn ist mit seiner Kamerafrau Eva Katharina Bühler nah an seine Protagonisten herangerückt. Über mehrere Jahre hat er Lutz Schelhorn und dessen Familie begleitet. Gleich zu Beginn ist die Dokumentation bei der Beerdigung von Schelhorns jüngerem Bruder Frank dabei. Und in diesen ersten Minuten beschleicht einen das ungute Gefühl, dass "Ein Hells Angel unter Brüdern" vielleicht zu nah dran ist an seinen Protagonisten. Denn Marcel Wehn macht beileibe nicht alles richtig.
Viele der gezeigten Motorradszenen unterlegt er mit Rock- oder Country-Musik. Durch ein geschicktes Spiel aus Ausleuchtung und Unschärfe präsentiert er die interviewten Hells Angels visuell überhöht; ganz im Gegensatz zu den übrigen Gesprächspartnern. Ein entscheidendes Kapitel aus Lutz Schelhorns Vergangenheit wird zudem zu einseitig beleuchtet. Lange vor seiner Karriere als Fotograf wurde ihm die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie schwere Vergewaltigung vorgeworfen. Am Ende stand ein Freispruch. Zu den genauen Umständen kommen jedoch nur Schelhorn und dessen Eltern zu Wort. Der Regisseur bietet seinem Protagonisten auf diese Weise die Möglichkeit, sich unwidersprochen zum Justizopfer zu stilisieren.
An diesen Stellen läuft "Ein Hells Angel unter Brüdern" schnell Gefahr, den Motorradclub in ein Licht zu rücken, in dem er sich selbst gern sieht: als Ansammlung freiheitsliebender, aber im Grunde harmloser Ausgegrenzter.

Dennoch verkommt die Dokumentation nicht zum Sprachrohr des Stuttgarters. Wehns großes Verdienst ist es, dass er trotz dieser formalen und inhaltlichen Mängel die nötige Distanz zu seinen Protagonisten wahrt. An anderen Stellen lässt er Gegenstimmen und neutrale Beobachter zu Wort kommen und bohrt in entscheidenden Situationen kritisch nach. Und das muss Wehn auch, da so mancher der (vermeintlich) Neutralen im Verlauf des Films die Distanz zu verlieren scheint. Auch dies macht Marcel Wehns Dokumentation deutlich: die Schwierigkeit, kritisch mit jemandem umzugehen, den man über einen längeren Zeitraum kennen und schätzen lernt.

Lutz Schelhorns Anliegen, das Bild der Hells Angels zu ändern, gelingt nur bedingt. Einerseits kann eine Einzelperson wie er nicht für das Gros der Clubmitglieder, kann die gemäßigte Stuttgarter Rockerszene nicht stellvertretend für die anderen deutschen Charter stehen. Andererseits trägt Lutz Schelhorn selbst dazu bei, bleibt seine Person im Verlauf des Dokumentarfilms doch zu widersprüchlich und entspricht in den entscheidenden Momenten eben jenem vorgefertigten Bild.

So zeigt "Ein Hells Angel unter Brüdern" Lutz Schelhorn als engagierten Bürger, der Jugendliche über die Stuttgarter Judendeportationen aufklärt. Eben jener Protagonist ist es aber auch, der bei einer Führung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die westdeutsche Justiz in die Nähe von Stasi-Methoden rückt und fürs Erinnerungsfoto pietätlos in einer Zelle posiert. Trotz aller Distanzierungsversuche zu den Fehlentwicklungen der Hells Angels bleibt Schelhorn letztlich ein Mann, der den Aussagen von Clubmitgliedern mehr Glauben schenkt, als denen ihrer Opfer oder als den Ermittlungen der Justiz. Ein Mann, für den das Gemeinschaftsgefühl unter Brüdern am Ende mehr zählt als die Wahrheit.

Vor allem in diesen Gesprächen entlarvt sich der Präsident des Stuttgarter Charters trotz aller Bodenständigkeit als völlig abgehoben; als Mitglied einer Vereinigung, in deren Weltanschauung eigene Gesetze gelten und die vom deutschen Staat sehr wenig hält. Einer von Schelhorns schwachen Momenten und der stärkste des Films.

Fazit: "Ein Hells Angel unter Brüdern" ist der Versuch, dem berühmtesten Motorradclub der Welt jenseits aller Vorurteile zu begegnen. Auch wenn der Film deutliche Mängel aufweist, leistet er doch einen wichtigen Beitrag in der öffentlichen Debatte und regt zum Nachdenken an.




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