VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: San Andreas (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Der Katastrophenfilm hat ein grundlegendes Problem: Er lebt vom Schauwert. Die Katastrophe ist der wahre Hauptdarsteller und droht nicht selten, die Schauspieler in den Schatten zu stellen. Bilder aus dem Rechner und in 3D fördern dieses Problem noch stärker zutage, als es in Klassikern von "Die Höllenfahrt der Poseidon" (1972) bis "Flammendes Inferno" (1974) der Fall gewesen sein mag.

Regisseur Brad Peyton versucht in "San Andreas" seinen imposanten Bildern eine ebenso imposante Erscheinung entgegenzusetzen: Dwayne Johnson. Der trug vor seinem Wechsel zum Film in seiner Zeit als Wrestler nicht ohne Grund den Kampfnamen "The Rock". In "San Andreas" soll er der Felsen sein, auf den Peyton seine Kathedrale der Zerstörung baut. Allein: Dazu hätte es eines besseren Drehbuchs bedurft.

Die Handlung verkommt zur Nebensache, folgt ausgetretenen Pfaden. Klar, dass ein Wissenschaftler (Paul Giamatti) das Erdbeben voraussagt. (Damit hat sich dessen Auftritt aber bereits erledigt.) Auch klar, dass sich der ausgemusterte Vater (Johnson) zum Retter aufschwingt und die zerrütteten Familienverhältnisse zwischen all den eingestürzten Bauten wieder geraderückt. Klassisch, dass die Rettungsaktion der Eltern parallel zur Geschichte der Tochter montiert ist und in letzter Sekunde erfolgt. Erfreulich gar, dass Rays Tochter Blake (Alexandra Daddario) in ihrem Erzählstrang das übliche Rollenverhältnis umkehrt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter Emma (Carla Gugino) ist Blake nur zu Beginn eine Jungfrau in Nöten. Einmal aus ihrer Notlage befreit, gibt sie im Verbund mit den beiden Brüdern Ben (Hugo Johnstone-Burt) und Ollie (Art Parkinson) fortan den Ton an und steht ihre Frau.

Doch selbst dieser kleine emanzipatorische Triumph hat einen schalen Beigeschmack. Mehr als Rennen, Schreien, Wegducken und dabei möglichst gut aussehen, ist für Blake nicht drin. Selbstredend hat sich die taffe Teenagerin bereits vor der Katastrophe in Ben verguckt. Und warum präsentiert Regisseur Brad Peyton die junge Frau bei ihrem ersten Auftritt eigentlich im Bikini am Pool?

Das Geschehen in San Francisco ist dabei noch das erträglichere. Die Hatz der Eltern von Los Angeles dorthin hätte der Regisseur besser ohne Dialoge gedreht. Mehr als abgedroschene und hölzern vorgetragenen Sprüche kommen Johnson und Gugino nicht über die Lippen. In diesen Handlungsstrang packt Drehbuchautor Carlton Cuse allen Ernstes auch noch die Aufarbeitung der Eheprobleme. Endlich sprechen Ray und Emma über ihre verstorbene Tochter. Um Rays Trauma zu verarbeiten, bedarf es jedoch nur eines Satzes zwischen Autotür und Angel: "Wenn du unsere Tochter nicht retten konntest, hätte das keiner gekonnt", salbadert Emma. Gut, dass die beiden endlich einmal darüber geredet haben! Warum haben sie das eigentlich nicht schon früher getan?

Die Handlung macht schnell klar: Auch in "San Andreas" sind die Spezialeffekte der eigentliche Grund für den Kinobesuch. Sie bieten jedoch nur vereinzelt Neues. Immerhin: Trotz eines Roland Emmerich & Co., deren Bilder vom Weltuntergang das kollektive Filmgedächtnis dominieren, kann "San Andreas" stellenweise überraschen. Wenn etwa die Erde bebt und ganz Großstädte in Wellenbewegungen tanzen oder Ray und Emma ihr Motorboot durch das Treibgut des überfluteten San Francisco steuern, dann verströmt "San Andreas" beinahe einen Hauch morbider Poesie.

Das Katastrophenszenario ist realistisch, wie die Protagonisten der Katastrophe entrinnen selbstredend nicht. Gemeinsam mit manch grobem Logikschnitzer und einem aufgesetzten patriotischen Ende bleiben von "San Andreas" nur einige Schauwerte in Erinnerung.

Fazit: Katastrophenfilm, der seine Handlung und Schauspieler dem Schauwert opfert. Dabei bieten die Bilder vom Untergang wenig Neues. Für einen Film mit Dwayne Johnson kommt "San Andreas" ungewohnt ernst daher. Angesichts der darstellerischen und inszenatorischen Schwächen hätte etwas Ironie jedoch nicht geschadet.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.