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Sag nicht, wer du bist
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© Kool Filmdistribution

Kritik: Sag nicht, wer du bist (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für diesen intensiven Psychothriller hat der junge Wilde des kanadischen Films, Xavier Dolan, wahre Lobeshymnen von der internationalen Kritik erhalten. Sein vierter Spielfilm basiert auf dem Theaterstück "Tom à la ferme" des kanadischen Autors Michel Marc Bouchard. Der 1989 geborene Regisseur spielt darin auch die Hauptrolle. Die abgründige Geschichte handelt von Gewalt, Einsamkeit, Homosexualität, tragischen Familienbeziehungen und entwickelt trotz ihrer Rätselhaftigkeit einen furiosen Sog.

Man sterbe nicht mit 25 Jahren, macht Agathe einmal ihrem Schmerz über den Verlust des jüngeren Sohnes Luft. Sie ahnt, dass sie entscheidende Dinge nicht versteht, dass man ihr manches vorenthält. Durchaus zu Recht, wie Tom schnell klar wird, denn Agathe klammert sich an die Vorstellung, dass der Verstorbene eine Freundin hatte. Und ihr älterer Sohn Francis verpasst Tom eine Reihe von Verletzungen, weil er in diesem Familientheater nicht so spurt, wie er selbst sich das vorstellt. Anstatt schleunigst zu verschwinden, fühlt sich Tom aber merkwürdig zu diesen beiden verzweifelten Menschen hingezogen. In dieser für ihn offenbar ungewohnten familiären Geborgenheit ignoriert er die drohende Gefahr für Leib und Leben. Die sexuelle Spannung zwischen Francis und Tom, die zwischen Fragen und Verboten pendelnde Mutter malen Fantasien an die Wand, von Bruderliebe, Sadomasochismus, geächteter Homosexualität. Francis erklärt Tom zwar, was ihn an diesem unglücklichen Ort festhält, aber sein Verhältnis zur Mutter bleibt dennoch rätselhaft. Jenseits der verbalen Ebene tun sich Abgründe auf, die Tom mit magnetischer Kraft anlocken.

Die Geschichte spielt zwar im französischen Teil Kanadas, handelt aber von einer existenziellen Verdammnis, die auch den amerikanischen Film seit jeher beschäftigt. Dolan weckt mit seinen Szenen im Maisfeld oder unter der Dusche dezidiert Erinnerungen an Hitchcock. Auch die Fratze des Wahnsinns, die der entstellte Joker aus dem Batman-Universum zur Schau trägt, wird heraufbeschworen. Liebe und Zerstörung sind auf der Farm untrennbar miteinander verbunden. Die Tragik wird von der melodramatisch düsteren, auch unheimlichen Musik von Gabriel Yared über die Handlung gelegt, während Tom noch glaubt, die Dinge im Griff zu haben. Dolan spielt ihn sehr bewegend als nüchternen, dann aber auch verletzlichen jungen Mann, der sich in einem emotionalen Spinnennetz verfängt. Er wirkt in seiner Normalität immer wie ein Außenseiter und Heilsbringer zugleich, an den die Mutter und Francis ihre Hoffnung auf Erlösung richten. Es geht eine starke, unmittelbare Energie von dieser bösen kleinen Geschichte aus, die einem den Glauben an die heile ländliche Welt so gründlich austreibt.

Fazit: Xavier Dolans düsterer Psychothriller erkundet die Einsamkeit einer Familie auf dem Land, die sich in einem Geflecht aus Liebe, Gewalt und Lebenslügen verfangen hat. Die Inszenierung entwickelt aufgrund der rätselhaften Beziehungen der Charaktere einen abgründigen Sog.





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