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Enemy
Enemy
© Central Film © Capelight Pictures

Kritik: Enemy (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Das Chaos ist eine Ordnung, die entschlüsselt werden muss". Mit diesem Hinweis beginnt nicht nur der Roman "Der Doppelgänger", den Literaturnobelpreisträger José Saramago 2002 veröffentlichte. Auch dessen (recht freie) Adaption durch den frankokanadischen Filmemacher Denis Villeneuve stellt ebenjene Sichtungsanleitung an ihren Anfang. Das Publikum wird angehalten, die nachfolgenden Ereignisse genau zu studieren, auf Hinweise abzuklopfen, um so vielleicht ein wenig Licht in das rätselhafte Handlungsgeflecht zu bringen. Leicht macht es der Regisseur dem Betrachter allerdings nicht. Denn anders als bei seinem eigenwilligen, aber doch zugänglichen Hollywood-Debüt "Prisoners", lässt Villeneuve im bereits zuvor gedrehten Psychodrama "Enemy" die meisten Mainstream-Gewissheiten hinter sich. Was viele Zuschauer frustrieren dürfte, wird andere erfreuen, da hier vor allem die eigene Interpretationsarbeit im Vordergrund steht.

Der Geschichtsdozent Adam Bell (Jake Gyllenhaal) ist angewidert von seinem eintönigen Leben. Weder seine Arbeit noch die allabendliche Treffen mit der hübschen Mary (Mélanie Laurent) lassen so etwas wie Zufriedenheit aufkommen. Und doch kann Adam den Kreis der Gleichförmigkeit nicht durchbrechen. Erst als er in einem Film durch Zufall auf einen Nebendarsteller aufmerksam wird, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, erwacht der junge Mann aus seiner Lethargie. Fasziniert und verunsichert zugleich, versucht er, hinter das Geheimnis des vermeintlichen Doppelgängers zu kommen, der Anthony Clair (ebenfalls Gyllenhaal) heißt und mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) zusammenlebt. Reagiert der unbekannte Schauspieler anfangs noch abweisend auf Adams Annäherung, lässt er sich plötzlich doch auf ein Treffen ein und entfesselt damit ein gefährliches Machtspiel.

Wie im Thriller und Horror-Kino üblich (man denke nur an die Schreckensfantasien mancher Filme des Deutschen Expressionismus), sorgt das unvermittelte Auftauchen eines bislang unbekannten Ebenbildes für eine tiefgreifende Krise des Protagonisten. Die eigene Identität steht mit einem Mal auf dem Spiel, und das Bewusstsein, einzigartig zu sein, wird merklich erschüttert. So ergeht es auch dem antriebsarmen Geschichtsdozenten, der jedoch schnell ein obsessives Interesse für seinen viril und selbstbewusst auftretenden Doppelgänger entwickelt. Die Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Das unterstreicht nicht nur ihr Aussehen – hier der farblos gekleidete Uni-Lehrer, dort der Lederjacke tragende Motorrad-Fan. Auch die Nuancen im eindrucksvollen Spiel von Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal (ähnlich stark in "Prisoners") tragen dazu bei, dass Adam und Anthony wie real existierende Antagonisten erscheinen. Gleichzeitig geizt der Film nicht mit handfesten Parallelen (etwa dem problembehafteten Verhältnis der beiden Männer zu Frauen), die das Identitätsspiel verkomplizieren und die Frage aufwerfen, ob viele Ereignisse nicht als Kopfgeburten einer verstörten Seele zu begreifen sein könnten.

Villeneuve und Drehbuchautor Javier Gullón legen mehrfach nahe, dass in "Enemy" vor allem die Kräfte des Unterbewusstseins walten. Triebe, die sich logisch nur schwer fassen lassen und große Verunsicherung – vor und auf der Leinwand – produzieren. Das wird schon im merkwürdig entrückten Einstieg deutlich, der lange, dunkle Flure zeigt und in einen unheimlichen Privatclub führt. Männer – darunter auch einer der beiden Doppelgänger – beobachten halbnackte Tänzerinnen, die in ihre Performance ganz unerwartet eine lebendige Spinne einbauen. Ein schauriger Anblick mit leitmotivischer Funktion, denn das Krabbeltier, das im Roman nicht vorkommt, frisst sich tief in das Geschehen ein – unter anderem als alptraumhafte Vision (eine riesenhafte Spinne, die über einem Hochhausmeer thront) und offenkundige Analogie (eine zersprungene Windschutzscheibe, die einem Spinnennetz ähnelt).

Seinen verstörenden, an David-Lynch-Arbeiten gemahnenden Sog entwickelt das Psychodrama nicht über halbgare Plot-Wendungen oder hektische Zuspitzungen, sondern eine von Anfang an bedrückende Atmosphäre. So veräußern die in Sepia-Tönen gehaltenen Bilder Adams festgefahrenes Dasein und wecken mit Blick auf seine fast zwanghaften Nachforschungen Erinnerungen an das Paranoia-Kino der 1970er Jahre. Die häufig eingefangenen Hochhausbauten der namenlosen Großstadt spiegeln den Grad der Entfremdung, den die Figuren erreicht haben, könnten zugleich aber auch für bedrohliche Ausprägungen von Sexualität stehen. Der oftmals dissonante Klangteppich sorgt schließlich dafür, dass sich der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt sicher fühlen kann. Die Welt in "Enemy" ist aus den Fugen geraten und lässt sich nur schwer wieder zusammenzufügen.

Auch wenn, wie manche Kritiker behaupten, letztlich ein Deutungsansatz zu dominieren scheint, sollte man den Film nicht voreilig kategorisieren. Am Ende bleiben viele spannende Fragen offen (Was hat es beispielsweise mit Adams anfänglichem Vortrag auf sich, der das Thema "Macht und Kontrolle" in autoritären Staaten umkreist? Und wieso ist es ausgerechnet ein Film, der den Dozenten aus seiner Trägheit reißt?), was eine erneute Sichtung äußerst reizvoll macht.

Fazit: Ein überzeugender Hauptdarsteller in doppelter Ausführung, rätselhafte Ereignisse, die das Unbehagen stetig steigern, und eine beklemmende, aber ausdrucksstarke Filmsprache – Freunde symbolhafter Kinoalpträume dürften bei "Enemy" voll auf ihre Kosten kommen. Zuschauer hingegen, die gradlinige Unterhaltung bevorzugen, sollten lieber einen Bogen um Denis Villeneuves herausforderndes Psychodrama machen.




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