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Der letzte Mentsch
Der letzte Mentsch
© farbfilm verleih

Kritik: Der letzte Mentsch (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

"Der letzte Mentsch" von Regisseur Pierre-Henry Salfati ist ein Roadmovie über die Suche nach Identität und den Umgang mit der Vergangenheit. In der Hoffnung, die erlittenen Taten zu vergessen, verdrängt Marcus Erinnerungen und besinnt sich erst im Alter seiner jüdischen Wurzeln. Seine Reisebegleitung Gül ist mit ihren Eltern von Deutschland in die Türkei zurückgegangen – und ist wieder zurück geflohen, als sie erfuhr, dass ihr Vater sie verheiraten will. Sie kann diese Vergangenheit nicht vergessen, sondern hat sich eine harte Schale zugelegt, die sie vor weiteren Verletzungen schützen soll. Leider bleibt das Zusammentreffen des alten Mannes und der jungen Deutschtürkin konstruiert, erst spät im Film verzichtet das Drehbuch auf plakativ respektlose Sätze von Gül und den stets verständigen Blick von Marcus. Insbesondere Gül wirkt von Anfang an wie ein Fremdkörper im Film – und das liegt nicht daran, dass sie ihre knallrote Jacke niemals ablegt. Jeder Satz scheint auswendig aufgesagt, auch ist ihre Wandlung hin zu einer verständnisvollen, unterstützenden jungen Frau innerhalb weniger Tage kaum nachzuvollziehen. Dagegen ist der von Mario Adorf überzeugend gespielte Marcus weitaus lebendiger, wenngleich auch er nur wenig gegen die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs ausrichten kann. Ohnehin wird in diesem Film zu viel geredet und erklärt, es fallen Sätze wie "Die Türken sind die neuen Juden Europas", es gibt eine – fraglos dramatische – "Sophies Entscheidungs"-Reminiszenz, überinszenierte Szenen eines Kennenlernens und Virginia-Woolf-Selbstmordes. Hier wird zu viel gewollt und zu wenig riskiert.

Die Reise von Gül und Marcus nimmt also den zu erwartenden Verlauf. Sie treffen Freunde und Fremde, reden über Vergangenheit und Identität und schließlich begegnen sie zwei Menschen, die ihre Beziehung verändern: Einem Mann, der für die Spielberg-Foundation arbeitet und erzählte Erinnerungen auf Film festhält, und eine ältere, erblindete Frau (übertrieben gespielt von Hannelore Elsner), die seit Jahren auf die Rückkehr ihrer Liebe wartet. Sie freunden sich an, und natürlich helfen sie Marcus, sich seiner Erinnerungen zu stellen – die Blinde hilft dem Sehenden gewissermaßen, der Erinnerung ins Auge zu blicken.

Während der Mittelteil aufgrund der einfachen Konstrukte, der Klischees und einfallslosen Inszenierung einige Längen hat, findet Regisseur Pierre-Henry Salfati zusammen mit Kameramann Felix von Muralt insbesondere am Anfang und Ende einen guten Rhythmus und schöne Bilder, die Marcus’ Suche und uneingestandene Sehnsucht deutlich werden lassen. Sie zeigen das Potential des Films, das leider nicht ausgenutzt wird.

Fazit: Mit mehr Vertrauen in die Bilder und mehr Mut bei Inszenierung und im Drehbuch hätte aus "Der letzte Mentsch" ein interessanter Spielfilm über den Holocaust werden können. Aber so verbleibt er im unteren Mittelfeld.




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